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Ein kollektiver Film
11 Regisseure und Regisseurinnen aus verschiedenen Ländern
und Kulturen
11 Visionen der tragischen Ereignisse, die am 11. September
2001 in New York City stattfanden
11 Blickwinkel, die dem individuellen Gewissen verpflichtet
sind
Um das Ausmaß der Schockwelle zu dokumentieren,
die der 11. September auslöste,
Um die Resonanz auf die Ereignisse in aller Welt zu
dokumentieren,
Um die menschliche Dimension dieser Tragödie zu
verdeutlichen,
Um das Gefühl durch Verstand zu ergänzen,
Um allen eine Stimme zu verleihen.
Völlige Freiheit im Ausdruck
Der 11. September 2001 war ein Ereignis, das vorzustellen
wir uns nie gewagt hätten. In Echtzeit drangen
die Bilder von der Katastrophe in all ihrer Gewalt in
unsere Wohnungen. Mit einem Schlag wurde Trauer universell.
Wie konnte man kein Mitgefühl empfinden, wenn das
Fernsehen das Leiden jener, die dem Tod ins Auge sahen,
gleichzeitig in alle Winkel der Welt
ausstrahlte?
Um das weltumspannende Echo auf dieses Ereignis auf
andere Art als durch diese entsetzlichen Bilder festzuhalten,
wurde mir sehr bald klar, dass wir die Pflicht der Reflexion
hatten. Diese Reflexion sollte nicht der Gegenwart verhaftet
sein, sondern sich ausdrücklich der Zukunft zuwenden.
Sie sollte in allen Ländern und Regionen verstanden
und mitempfunden werden können.
Eine Reflexion, die diese Bilder mit anderen Bildern
beantwortete. So bat ich elf bekannte Regisseure und
Regisseurinnen um einen Beitrag - einen Blick auf ihre
eigene Kultur, ihre eigene Erinnerung, ihre eigenen
Geschichten und ihre eigene Sprache.
Die Vorgabe lautete: "Ein Film, der 11 Minuten,
9 Sekunden und 1 Bild - 11'09''01 - dauert und sich
um die Ereignisse des 11. September und ihrer Folgen
dreht."
Die Regisseure und Regisseurinnen erfassten das Thema
und brachten ihre Sicht der Ereignisse zum Ausdruck,
geleitet von den Sorgen und Anliegen ihres eigenen Landes
und ihrer eigenen Geschichte.
Der Film bringt unterschiedliche Prioritäten und
Engagements zum Ausdruck. Jede Meinung ist frei und
in völliger Gleichberechtigung zum Ausdruck gebracht.
Diesem filmischen Mosaik liegt kein Konsens zugrunde.
Zwangsläufig ist es voller Kontraste, so dass es
möglicherweise Gefahr läuft, vom künstlerischen
und ethischen Standard abzuweichen, dem sich
jeder Regisseur verpflichtet fühlt.
Alain Brigand, Künstlerischer
Produzent
Künstlerischer Produzent Alain Brigand
Séquence 19. Productions
Titelmusik Alexandre Desplat
Produktion Galatée Films
Studio Canal
Co-Produzent Jacques Perrin
Nicolas Mauvernay
Ausführender Produzent Jean de Trégomain
Frankreich 2002 - 35mm - 130 min. - 1:1,85 - Dolby SR
Samira Makhmalbaf
Iran
geb. Teheran - 1980
Buch und Regie Samira Makhmalbaf
Ausführender Produzent Makhmalbaf Film House
Kamera Ebrahim Ghafori
Schnitt Mohsen Makhmalbaf
Mischung Hassan Mahdavi
Musik Mohamad Rezadarvishi
Darsteller:
Maryam Karimi
Ein Gespräch mit Samira Makhmalbaf
Wo waren Sie am 11. September 2001? Was empfanden
Sie, als Sie von den Ereignissen
erfuhren?
Als ich im Fernsehen die beiden Türme einstürzen
sah, konnte ich es zuerst gar nicht glauben. Ich dachte,
da liefe ein Film mit Special Effects, aber dann wurde
mir sehr bald klar, dass es reale Bilder waren. Dann
dachte ich an meine Freunde in New York. Ich hatte einen
Monat dort gelebt und hatte viele Freunde dort. Als
ich einige Stunden später hörte, dass Amerika
Afghanistan angreifen
wollte, musste ich an die Kinder und Frauen denken,
die ich einen Monat zuvor an der Grenze zwischen Iran
und Afghanistan gefilmt hatte. Ich hatte rund einen
Monat bei ihnen gelebt. Ich hatte doppelt Angst, weil
ich Freunde in Amerika und in Afghanistan hatte.
Sie sind als Regisseurin sehr beschäftigt. Dennoch
haben Sie nicht lange gezögert, dieser Einladung
Folge zu leisten und einen Kurzfilm zu einem kollektiven
Werk rund um die Ereignisse in New York am 11. September
beizusteuern. Warum?
Die Vorfälle des 11. September sind ein weltweites
Ereignis. Natürlich verdanken sie ihre globale
Präsenz den Bildern, die per Satellit in Realzeit
rund um die Welt in alle Staaten ausgestrahlt wurden.
Doch der reale Tod von 2,5 Millionen Afghanen, die im
Verlauf von 20 Jahren durch Krieg und Hungersnot starben,
wurde vergessen, weil diese Bilder nicht in Realzeit
ausgestrahlt wurden. Nachdem ich diese Bilder gesehen
hatte, wurde mir als Filmemacherin erneut die Macht
des Bildes bewusst, und da dachte ich mir, dass die
Globalisierung vor allem auf der Macht der Bilderwelt
beruht. Wenn die Nachricht im Rundfunk, ohne Bilder,
gesendet worden wäre, hätte niemand sie geglaubt.
Dieses Bild war eindimensional, als würde jemand
darüber reden; es war ein Monolog, kein Dialog.
Damit dieser bildliche Monolog zu einem zwischenmenschlichen
Mediendialog werden kann - wobei diese Medien in der
Macht der Supermächte sind -, ist es nötig,
Menschen verschiedener Kulturen
aufzufordern, die Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven
zu betrachten. Eine eindimensionale Realität ist
nicht verständlich, und wer eine derartige eindimensionale
Realität schafft, fördert nur Missverständnisse
unter den Menschen, ohne Harmonie zwischen ihnen zu
schaffen. Die Realität beruht nicht auf der Sicht
jener, die die Realität miterleben. Wenn wir von
einer universellen Realität sprechen, müssen
wir sie aus dem Blinkwinkel der ganzen Welt betrachten.
Ich dachte mir, obwohl es nur ein Kurzfilm ist und er
mich daran hinderte, einen Spielfilm zu drehen, war
es ein humanitärer Akt, mich an dem Bilderdialog
zu beteiligen.
Hatten Sie sich bereits überlegt, etwas über
die Ereignisse des 11. September zu machen,
bevor Sie um Mitarbeit an 11'09''01 gebeten wurden?
Durch meine Filme war ich schon bei vielen internationalen
Festivals und kenne viele Länder. Ich hatte mir
schon länger überlegt, einen Film über
die Distanz zu drehen, den die Armut in Ländern
wie Afghanistan im Gegensatz zum Reichtum entwickelter
Länder schafft. Nach dem 11. September kam
ich zu dem Schluss, dass es wieder einmal an der Zeit
war, diesen globalen Konflikt anzusprechen. Viele Menschen
reden über den 11. September, doch nur wenige führen
die Ereignisse auf die Diskrepanz zwischen der entwickelten
und der unterentwickelten Welt zurück. Die Armen
ertrinken in
ihrer Armut und die Reichen im Meer ihres Reichtums.
Niemand überlegt sich, dass diese Diskrepanz -
zwischen warmem und kaltem Klima - einen verheerenden
Sturm auslösen könnte.
Welche Ereignisse oder persönliche Erlebnisse wollten
Sie mit Ihrem Beitrag zum Ausdruck
bringen?
Welches persönliche Echo auf die Ereignisse vom
11. September? Ich wollte vermitteln, welches Gefühl
von Bedrohung ein Zwischenfall, der im Westen stattfindet,
bei einer Frau im Osten auslösen kann. Ich wollte
ausdrücken, dass eine Frau im Osten, die New York
und die Türme vielleicht noch nie gesehen hat,
vielleicht nicht die leiseste Ahnung über das Leben
dort hat, den Prozess der Globalisierung trotzdem nur
mit Sorge beobachten kann, dass ein solches Ereignis
ihr ganzes Leben verändern kann. Der Sturm, den
der Westen mit der Globalisierung heraufbeschwört,
könnte die Menschen im Osten vernichten. Ich wollte
zeigen, dass die Zerstörung von zwei Türmen
in einer Stadt im Westen zur Zerstörung vieler
Städte in nicht-westlichen Ländern führen
kann. Ich wollte zeigen, dass Menschen, die nichts mit
der Zerstörung dieser beiden Türme zu tun
hatten, die nicht einmal von der Existenz dieser Türme
wussten, als Folge dieses Ereignisses ihre Heimat und
ihr ganzes Hab und Gut verlieren können.
Wie sind Sie auf die Idee zu Ihrem Film gekommen? Sofort,
oder mussten Sie lange darüber nachdenken?
Nachdem ich die Bilder von der Zerstörung der
beiden Türme gesehen hatte, und als Amerika
Afghanistan bombardierte, wollte ich wissen, ob meine
Freunde in New York davon betroffen waren, und ich wollte
nach Afghanistan, um den afghanischen Kindern zu helfen,
so bescheiden mein Beitrag auch sein konnte. Ich war
in Afghanistan, als Amerika Bomben über das Land
abwarf, und ich sah,
dass die Kinos, die jahrelang geschlossen gewesen waren,
allmählich wieder ein paar Filme zeigten. Darüber
war ich sehr glücklich, und ich überlegte
mir sofort, einen Film zu machen.
Hat die vorgegebene zeitliche Beschränkung auf
11 Minuten, 9 Sekunden und 1 Bild pro
Beitrag Sie beim Aufbau Ihrer Geschichte behindert?
Wie gingen Sie damit um?
Genau so wenig, wie eine Mutter das genaue Gewicht und
die Größe des Kindes, das sie gerade zur
Welt bringt, bestimmen kann, kann ein Filmemacher die
Länge eines Films festlegen, bevor er mit der Arbeit
daran beginnt. Natürlich beachten wir gewissen
Regeln, bei einem Spielfilm etwa schwebt uns
eine Länge von 70 bis 120 Minuten vor, aber es
ist für einen Filmemacher sehr schwer, im Voraus
zu sagen, wie viele Minuten, Sekunden und Bilder ein
Film haben wird. Es ist, als würde man ein Paar
Schuhe anfertigen und die Füße dann hineinzwängen,
anstatt die Schuhe den Füßen entsprechend
herzustellen. Es gab bei diesem Film zwei Vorgaben:
das Thema 11. September und die Dauer von 11 Minuten,
9 Sekunden und 1 Bild. Ich musste meine Gedanken und
Gefühle auf eine solche Art in diese beiden vorgegebenen
Gefäße füllen, dass kein Tropfen überlief,
aber dass zum Schluss kein einziger Tropfen mehr in
das Gefäß passte. Ich fühlte mich an
die Dichter erinnert, die ein Couplet in einem Vierzeiler
zusammenfassen müssen. Doch bei diesem Film war
die Länge von 11 Minuten, 9 Sekunden und 1 Bild
ein Symbol und gehörte zum Wesen des Films. Ich
musste auf vieles, was ich eigentlich sagen wollte,
verzichten und viele Einzelheiten verändern. Ich
war gezwungen, meine Gefühle auf die vorgegebene
Dauer zu beschränken. Das brachte natürlich
gewisse Schwierigkeiten mit sich.
Wie erlebten die Schauspieler und der Stab Ihren Beitrag?
Wie gingen die Dreharbeiten vor sich?
Wenn die Kamera zu laufen beginnt, ist es, als würde
ein Maschinengewehr anfangen, auf die Realität
zu schießen. Je mehr wir der Kulisse und der Technik
ihre Bedeutung nehmen, desto größer wird
die Erwartung, dass in der Realität ein goldener
Moment entsteht. Im Backstage-Material dieses Films
sieht man, wie ein kleines Mädchen, das vom Kino
keine Ahnung hat, die ganzen Techniker und die Leute
auf der Bühne stundenlang warten ließ, um
sich auf den Moment vorzubereiten, in dem sie sich so
natürlich wie in der Realität verhalten konnte.
Man kann also sagen, dass die Kamera und die Technik
die Realität auf der Bühne abtöten, als
würde die Kamera 24 Schüsse pro Sekunde abfeuern.
Die Regie hat den Geist dieses Filmes in die Hände
einer Siebenjährigen gelegt und nicht in Leute
wie uns, die mit der Technik vertraut sind. Wenn die
Technik die Schauspieler - Leute von der Straße
- beherrschen würde, erhielten wir ein Kino, das
eher an eine Fabrikware erinnert als an ein Fragment
aus dem Gedicht des Lebens.
Jeder Regisseur und jede Regisseurin entwickelten einen
völlig eigenen Film, ohne die leiseste Ahnung zu
haben, wie der Beitrag der anderen aussehen würde.
War das für Sie ein Problem? Wie haben Sie dieses
kollektive Werk erlebt oder "gelebt"?
Die fehlende Kenntnis der anderen Beiträge führte
dazu, dass die unterschiedliche Töne des Films
umso stärker werden konnten. Wenn ich an einem
Film arbeite, ist es mir lieber, wenn die Schauspieler
nicht das Drehbuch lesen und nichts über die Rollen
und Reaktionen der anderen Schauspieler herausfinden.
Denn wenn sie dann etwas sagen, ist es für sie
wie im wirklichen Leben -
sie wissen nicht, wie ihr Gegenüber auf ihre Äußerung
reagieren wird. Viele von ihnen wissen nicht einmal,
worum es in der nächsten Szene überhaupt geht.
Der Produzent von 11'09''01 schuf letztlich einen Film,
den elf Regisseure - das heißt, elf Schauspieler
- als ihren eigenen betrachten, und versuchte, durch
die Einheit des Themas und der Länge eine Harmonie
zu schaffen, genau wie ein
Regisseur.
Kann der Film Ihrer Ansicht nach unserer Einschätzung
der gegenwärtigen Welt zu einer neuen Perspektive
verhelfen? Kann das Kino als Instrument des Friedens
dienen?
Mit Hilfe der Satelliten, die es in unserer heutigen
Welt nun einmal gibt, schicken die Mächte ihre
vereinheitlichen Ideen und Gedanken in alle Welt hinaus.
Doch mit diesem Film werden durch ein einheitliches
Medium unterschiedliche Gedanken verschickt. Es gibt
unterschiedliche Stimmen aus aller Welt. Und obwohl
diese Stimmen wegen des Lärms, den die Satelliten
erzeugen, nicht allzu deutlich zu hören sind, ist
doch klar, dass die nächste Generation sich bemühen
wird, zur Musik dieser Stimmen zu tanzen und in den
Pausen dazwischen gründlicher nachzudenken. Ich
erwarte nicht, dass ein Film wie 11'09''01 sofort eine
umfassende Wirkung haben wird - vergleichbar mit der,
die BBC und CNN in nur einer Nacht weltweit hatten.
Doch ich glaube auch, dass dieser Film wie Einsteins
Theorie, die erstmals die Eigenschaften der Atome erklärte,
die öffentliche Meinung allmählich beeinflussen
wird, langsam, aber unaufhaltsam. Wenn der Kriegsgedanke
auf einer gedanklichen Einheit und einem Monolog beruht,
dann sollten die Werkzeuge für den Frieden aus
einer Vielzahl menschlicher Gedanken und aus Dialog
bestehen. Dieser Film ist ein Testlauf für diesen
Dialog. Wir dürfen nicht vergessen, dass dort,
wo den Menschen der Mund verschlossen wird, damit es
zu keinem Dialog kommt, die Waffen sprechen.
Glauben Sie, dass die Ereignisse vom 11. September Ihre
künftigen Filme beeinflussen werden?
Die Entstehung eines jeden Films bedeutet die Wiedererschaffung
seines Regisseurs. Unsere
Erinnerungen sind voller Erfahrungen, und jeder neue
Film ist für mich wie eine neue
Lebenserfahrung. Ich glaube, nicht nur ich, sondern
auch alle anderen Filmemacher bekommen durch die Arbeit
an einem neuen Film die Chance, in den Umständen
eines anderen Menschen zu leben. Dasselbe gilt für
das Publikum. Als ich Der Apfel machte, was elf Tage
dauerte, kam es mir vor, als würde ich die Gefangenschaft
östlicher Frauen elf ganze Jahre lang miterleben.
Als ich Die schwarze
Tafel drehte, kam es mir vor, als würde ich jahrelang
durch die Berge wandern.
Glauben Sie, dass der 11. September als Bruch gesehen
werden wird, der unsere Zeit in ein "Davor"
und "Danach" einteilt?
Wenn ich an die Globalisierung denke, denke ich daran,
was die Erweiterung der Kommunikationsmöglichkeiten
bedeutet und was diese Möglichkeiten angeblich
bieten. Vielleicht, dass alle Länder denselben
Lebensstandard erreichen, dass Gleichgewicht und Gerechtigkeit
herrschen? Wenn ich dann die Kluft zwischen Ländern
wie Afghanistan und den entwickelten Ländern sehe,
bekomme ich es mit der Angst zu tun.
Wenn ich sehe, dass es in der heutigen Welt möglich
ist, das Bild von zwei einstürzenden Türmen
während des tatsächlichen Einsturzes per Satellit
rund um die Welt zu schicken, denke ich - man ruft zumindest
für einen Moment in allen Nationen ein menschliches
Gefühl hervor, und sofort haben alle
das Gefühl, als würde ihr eigenes Zuhause
zerstört. Da muss ich fragen, warum ein Land wie
Afghanistan existiert, wo sich doch niemand des Leids
und des Elends der Bevölkerung dort bewusst ist?
Es gibt immer noch Länder, deren Bild nicht gesehen
und deren Stimme nicht vernommen werden, als
gehörten sie gar nicht zu diesem immensen Universum.
Trotz der Globalisierung unserer heutigen Welt gibt
es nach wie vor viele unbekannte Orte, und wenn man
diese Orte mit einem Medium namens Film aufsucht, kommen
sie einem vor wie eine surreale Welt. Es ist, als könnten
nur die Medien diesen Surrealismus in Realität
verwandeln und ihn anderen Menschen glaubwürdig
machen.
Es kommt mir vor, als würde das, was nicht per
Satellit gezeigt wird, überhaupt nicht existieren.
In der heutigen Welt achten die entwickelten Länder
nur dann auf die armen Länder, wenn ihr Profit
gefährdet ist. Dann lenken alle Länder und
die Medien ihre Aufmerksamkeit in diese Richtung.
Claude Lelouch
Frankreich
Geboren 1937 in Paris.
Regie Claude Lelouch
Buch Claude Lelouch
P. Uytterhoeven
Ausführender Produzent Tania Zazulinsky für
Les films 13
Kamera Pierre-William Glenn (AFC)
Schnitt Stéphane Mazalaigue
Mischung Jean-Charles Martel
Darsteller
Emmanuelle Laborit
Jérôme Horry
Ein Gespräch mit Claude Lelouch
Wo waren Sie am 11. September 2001? Was empfanden Sie,
als Sie von den Ereignissen
erfuhren?
Ich steckte mitten in den Dreharbeiten zu meinem neuesten
Film, als mein Sohn mich anrief und mir sagte, ich solle
den Fernseher anstellen. Erst viele Tage später
konnte ich aus dem Alptraum aufwachen und wieder weiterdrehen
...
Sie sind als Regisseur sehr beschäftigt. Dennoch
haben Sie nicht lange gezögert, dieser Einladung
Folge zu leisten und einen Kurzfilm zu einem kollektiven
Werk rund um die Ereignisse in New York am 11. September
beizusteuern. Warum?
Es gibt Dinge, da überlege ich nicht lange. Wenn
die Ereignisse des 11. September einen
Regisseur nicht dazu veranlassen, etwas zu tun - was
soll ihn dann aufrütteln? Hatten Sie sich bereits
überlegt, etwas über die Ereignisse des 11.
September zu machen,
bevor Sie um Mitarbeit an 11'09''01 gebeten wurden?
Natürlich hatte ich es mir überlegt, aber
der Gedanke war obszön. Also habe ich aufgehört,
daran zu denken.
Welche Ereignisse oder persönliche Erlebnisse
wollten Sie mit Ihrem Beitrag zum Ausdruck
bringen?
Welches persönliche Echo auf die Ereignisse vom
11. September? Die Darstellung dieser
Ereignisse in den Medien hat mich derart fasziniert,
dass ich mich fragte, ob es auch nur
einen Menschen auf der Welt gab, der sich nicht bewusst
war, was gerade passierte.
Wie sind Sie auf die Idee zu Ihrem Film gekommen? Sofort,
oder mussten Sie lange darüber nachdenken?
Als Sie mich aus heiterem Himmel anriefen, ging ich
Joggen, wie immer, wenn ich nach
Ideen suche. Im Bois de Boulogne traf ich zwei Taubstumme,
die in ein Gespräch vertieft
waren. Seit Une Fille et des Fusils fasziniert mich
diese Welt der Stille. Und ich dachte mir,
warum nicht elf Minuten Stille in Gedenken an all jene,
die ihr Leben verloren haben?
Hat die vorgegebene zeitliche Beschränkung auf
11 Minuten, 9 Sekunden und 1 Bild pro
Beitrag Sie beim Aufbau Ihrer Geschichte behindert?
Wie gingen Sie damit um?
Es gab in dem Film eine Szene, die ich jederzeit verlängern
oder kürzen konnte, um die Vorgabe einzuhalten.
Wie erlebten die Schauspieler und der Stab Ihren Beitrag?
Wie gingen die Dreharbeiten vor sich?
Wie Soldaten, die zum Weltkrieg gerüstet sind ...
aber trotzdem bester Dinge ...
Jeder Regisseur und jede Regisseurin entwickelten einen
völlig eigenen Film, ohne die leiseste Ahnung zu
haben, wie der Beitrag der anderen aussehen würde.
War das für Sie ein Problem? Wie haben Sie dieses
kollektive Werk erlebt oder "gelebt"?
Es wäre mir unangenehm gewesen, die Geschichten
der anderen zu kennen. Umso mehr, als die ausgewählten
Regisseure in meiner cinéastischen Welt einen
wichtigen Platz einnehmen. Wenn man sozusagen isoliert
einen kollektiven Film macht, stehen einem alle Möglichkeiten
offen ... selbst wenn man der Zuschauer ist.
Kann der Film Ihrer Ansicht nach unserer Einschätzung
der gegenwärtigen Welt zu einer neuen Perspektive
verhelfen? Kann das Kino als Instrument des Friedens
dienen?
Ich habe mir eigentlich immer gedacht, dass die Erinnerungen
der Welt mit der Geburt des
Kinos anfingen. Wann immer ich Bilder aus den Konzentrationslagern
sehe, kommt es mir
vor, als könnte niemand es jemals mehr wagen, so
etwas zu tun. Und genauso hoffe ich, dass wir nie ein
Remake von 11'09''01 erleben werden.
Glauben Sie, dass die Ereignisse vom 11. September Ihre
künftigen Filme beeinflussen
werden?
Unbewusst werden sie zweifellos einen Einfluss haben.
Glauben Sie, dass der 11. September als Bruch gesehen
werden wird, der unsere Zeit in ein "Davor"
und "Danach" einteilt?
Jedes Ereignis im Leben trennt es in ein "Davor"
und ein "Danach". Selbst Ereignisse, die uns
unbedeutend erscheinen.
Youssef Chahine
Ägypten
Buch und Regie Youssef Chahine
Kamera Mohsen Nasr
Schnitt Rashida Abd Elsalam
Mischung Dominique Hennequin
Ausführender Produzent Gabriel Khoury
Marianne Khoury
für MISR International Films
Darsteller
Nour Elshérif
Ahmed Seif Eldine
Statement von Youssef Chahine:
Meine eigentliche Ausbildung erhielt ich in Kalifornien,
wo ich mit achtzehn Jahren am
Dramatic Art Institute studierte und zum ersten Mal
Liebeskummer erlebte. Thea, die Leiterin des Jungenschlafsaals,
war die Frau, die mir meine Jungfräulichkeit nahm.
Natürlich werden meine Filme jetzt, wenn auch etwas
spät, an allen angesehenen
amerikanischen Universitäten gezeigt. Und Hand
aufs Herz, wer von uns ließ sich nicht von Fred
Astaires Eleganz oder Cyd Charisses Beinen verführen?
Dann kamen Ungerechtigkeit, Doppelmoral und ein unerklärliches
Feindbild. Kann man es einem leidenschaftlichen Liebhaber
der USA verdenken, dass er sich betrogen fühlt
und ärgerlich wird, wenn er mit ansehen muss, wie
sein Traum immer wieder ungestraft mit Füßen
getreten wird.
Danis Tanovic
Bosnien-Herzegowina
geboren 1969 in Zenica.
Buch und Regie Danis Tanovic
Ausführender Produzent Cedomir Kolar
Kamera Mustafa Mustafic´
Schnitt Monique Rysselinck
Mischung Alec Goose
Musik "Sto te nema"
Darsteller
Dzana Pinjo
Aleksandar Seksan
Tatjana Sojic´
Gespräch mit Danis Tanovic
Wo waren Sie am 11. September 2001? Was empfanden Sie,
als Sie von den Ereignissen
erfuhren?
Ich saß im Flugzeug von Paris nach Bordeaux.
Ich war entsetzt und bedrückt, irgendetwas
dazwischen - oder vielmehr beides. Zuerst entsetzt und
dann sehr bedrückt.
Sie sind als Regisseur sehr beschäftigt. Dennoch
haben Sie nicht lange gezögert, dieser Einladung
Folge zu leisten und einen Kurzfilm zu einem kollektiven
Werk rund um die Ereignisse in New York am 11. September
beizusteuern. Warum?
Es gibt viele Gründe. Zum einen finde ich, dass
alle Künstler sich mit den Fragen ihrer Zeit
auseinandersetzen sollten und dass die Ereignisse in
New York wirklich gravierend waren; in gewisser Hinsicht
ist es meiner Ansicht nach ihre Pflicht. Zum anderen
weiß ich noch, als ich in Sarajewo war und die
Leute hörte, wie sie über die Ereignisse dort
redeten, war es mir immer ein persönliches
Anliegen, dafür zu sorgen, dass das nicht in Vergessenheit
gerät. Vor diesem Hintergrund - der Vergesslichkeit
der Menschen - entwickelte sich die Idee zu meinem Film,
denn ich finde, wir vergessen zu oft und zu schnell,
was in der Welt passiert - ich spreche von Bosnien,
von Tschetschenien, von Ruanda -, all diese Ereignisse,
die ein paar Tage lang in den Schlagzeilen stehen und
dann in Vergessenheit geraten.
Hatten Sie sich bereits überlegt, etwas über
die Ereignisse des 11. September zu machen,
bevor Sie um Mitarbeit an 11'09''01 gebeten wurden?
Natürlich brachte ich meine Ansicht in Interviews
zum Ausdruck, aber als Künstler braucht man eine
gewisse Distanz; ohne die geht es nicht. Wenn etwas
zu nah ist, kann man es nicht richtig sehen, und obwohl
ich mich mit den Ereignissen beschäftigte, überlegte
ich mir nicht, einen Film daraus zu
machen.
Welche Ereignisse oder persönliche Erlebnisse wollten
Sie mit Ihrem Beitrag zum Ausdruck
bringen?
Ich weiß nicht, ob das mit meiner persönlichen
Erfahrung zusammenhängt - auf jeden Fall, was ich
vermitteln wollte, war das Gefühl von Trauer und
Leid, eine Art Schrei: dass solche Sachen einfach aufhören
müssen, dass wir alle innehalten müssen, um
unsere Welt richtig anzusehen und zu erkennen, was wir
ihr antun. Denn wenn die Welt so ist, wie sie heute
ist, dann deshalb, weil wir sie dazu gemacht haben.
Das war kein Zufall ...
Wie sind Sie auf die Idee zu Ihrem Film gekommen? Sofort,
oder mussten Sie lange darüber nachdenken?
Nicht sofort. Ich habe mir lange überlegt, wie
der Film aussehen sollte, aber ich wusste sofort, dass
er etwas mit Bosnien zu tun haben sollte. Ich wollte
zeigen, dass Menschen, die etwas Schreckliches
miterlebt haben, vielleicht besser verstehen können,
was wirklich mit den Leuten passierte. Für mich
ist die größte Tragödie Bosniens das,
was am 11. Juli 1995 in Srebrenica passierte. Seit dem
Tag
gehen die Frauen von Srebrenica an jedem 11. eines Monats
auf der Straße und demonstrieren. Das war mein
Ausgangspunkt.
Hat die vorgegebene zeitliche Beschränkung auf
11 Minuten, 9 Sekunden und 1 Bild pro
Beitrag Sie beim Aufbau Ihrer Geschichte behindert?
Wie gingen Sie damit um?
Beim Schreiben war es kein allzu großes Problem.
Ich versuchte, mir eine Geschichte vorzustellen, die
in diese symbolische Zeitdauer passen würde, und
fand sie von Anfang an gut. Das finde ich immer noch,
außer dass ich natürlich glaube, dass die
Geschichte selbst ihre eigene Zeit und ihren
eigenen Rhythmus hat, die ein bisschen gedehnt oder
gekürzt werden können, aber nicht allzu viel.
Das Schwierigste war, ehrlich gesagt, das Schneiden,
wozu mir etwas die Zeit fehlte, aber ich glaube, es
ist mir gelungen. Das ist auch der Grund, warum ich
einen atmosphärischen Film gemacht habe:
Dadurch konnte ich ein wenig kürzen, etwas mit
der Zeit spielen, ohne die Dramatik der Handlung zu
beeinträchtigen.
Jeder Regisseur und jede Regisseurin entwickelten einen
völlig eigenen Film, ohne die leiseste Ahnung zu
haben, wie der Beitrag der anderen aussehen würde.
War das für Sie ein Problem? Wie haben Sie dieses
kollektive Werk erlebt oder "gelebt"?
Zuerst einmal war ich stolz, in diese Gruppe aufgenommen
zu werden, zu der ja Regisseure gehören, die ich
seit meiner Jugend bewundere, zum Beispiel Imamura,
insbesondere Die Ballade von Narayam; das ist einer
meiner Lieblingsfilme. Sicher war ich stolz, aber ich
dachte mehr an die Geschichte, an das, was in der Geschichte
wichtig ist. Ich glaube, dass wir - wir Filmemacher
- nicht
wichtig sind. Was zählt, ist vor allem der Film.
Kann der Film Ihrer Ansicht nach unserer Einschätzung
der gegenwärtigen Welt zu einer neuen Perspektive
verhelfen? Kann das Kino als Instrument des Friedens
dienen?
Das ist zweischneidig, wie alles: Ich persönlich
halte mich für einen Idealisten und gleichzeitig
für einen Zyniker. Ein Idealist bin ich, weil ich
immer noch glaube, dass man die Welt verändern
kann. Wenn ich das nicht glaubte, würde ich nicht
die Filme machen, die ich drehe. Davon bin ich überzeugt.
Andererseits bin ich zynisch genug zu wissen, dass Dinge
nicht immer so funktionieren, wie man es
möchte, dass es schwierig werden kann. Aber ich
sage immer: Wenn man die Meinung von ein paar Leuten
verändern kann, ist das schon ein Anfang.
Glauben Sie, dass die Ereignisse vom 11. September Ihre
künftigen Filme beeinflussen
werden?
Ich bin fest davon überzeugt, dass alles, was uns
in unserem Leben passiert, uns auf die eine oder andere
Art beeinflusst: jedes Buch, das ich lese, alle Songs,
die ich höre, jedes Ereignis. Die Welt verändert
sich ständig, wie wir selbst ja auch, und ein so
tiefgreifendes Ereignis wie das in New York beeinflusst
unser Leben ohne jeden Zweifel, ob wir das nun wollen
oder nicht.
Glauben Sie, dass der 11. September als Bruch gesehen
werden wird, der unsere Zeit in ein "Davor"
und "Danach" einteilt?
Ja, aber in diesem Fall - warum? Tragödien einer
solchen Größenordnung passieren nicht jeden
Tag, und was diesen Fall so besonders macht, ist, dass
sie im mächtigsten Land der Welt passierte, und
dass die Methoden, wie es zu dem Ereignis kam, das Gesicht
der Welt verändert haben. In dieser Hinsicht ist
sehr vieles anders geworden, ja. Das merkt man sofort,
wenn man mit dem Flugzeug reist
... man merkt es an kleinen, alltäglichen Sachen.
Ich würde nicht so weit gehen, von einem "Bruch"
zu sprechen, weil noch größere Tragödien
passiert sind - der Erste und der Zweite Weltkrieg zum
Beispiel -, und nach einer Weile dreht sich die Welt
einfach weiter, der höllische Kreislauf setzt wieder
ein, eine Zeitlang herrscht Ruhe, und dann fängt
alles wieder von vorne an - leider.
Idrissa Ouedraogo
Burkina Faso
Geboren 1954 in Obervolta.
Buch und Regie Idrissa Ouedraogo
Ausführender Produzent Nicolas Cand für Les
Films de la Plaine
Kamera Luc Drion
Schnitt Julia Gregory
Mischung Daniel Sobrino
Musik Salif Keita
Manu Dibango
Guem Percussion
Darsteller
Lionel Zizréel Guire
René Aimé Bassinga
Lionel Gaël Folikoue
Rodrigue André Idani
Alex Martial Traore
Gespräch mit Idrissa Ouedraogo
Wo waren Sie am 11. September 2001? Was empfanden Sie,
als Sie von den Ereignissen
erfuhren?
Ich saß in Paris in einem Café, als Freunde
mir von der schrecklichen Nachricht erzählten ...
in dem Moment gehen einem alle möglichen Fragen
durch den Kopf - Wer hat das getan? Warum? Dann sagt
man sich, dass die Welt wirklich durchdreht, dass man
etwas tun muss. Aber wie?
Sie sind als Regisseur sehr beschäftigt. Dennoch
haben Sie nicht lange gezögert, dieser Einladung
Folge zu leisten und einen Kurzfilm zu einem kollektiven
Werk rund um die Ereignisse in New York am 11. September
beizusteuern. Warum?
Zusammen mit berühmten Künstlern, für
die ich immer Respekt empfunden habe, an einem
kollektiven Projekt zu arbeiten, bedeutet für mich
erst einmal eine große Ehre. Einen Film über
die Ereignisse des 11. September zu machen ist meine
Möglichkeit, zu einer Erneuerung des Gewissens
beizutragen, zu sagen, dass trotz allem Hoffnung besteht.
Das ist das Wichtigste überhaupt.
Hatten Sie sich bereits überlegt, etwas über
die Ereignisse des 11. September zu machen,
bevor Sie um Mitarbeit an 11'09''01 gebeten wurden?
Ja, in der Presse.
Welche Ereignisse oder persönliche Erlebnisse wollten
Sie mit Ihrem Beitrag zum Ausdruck
bringen?
Welches persönliche Echo auf die Ereignisse vom
11. September? Ich stamme aus Westafrika, aus Burkina
Faso. Wie alle Afrikaner war ich entsetzt von der Gewalttätigkeit
der Angriffe. Wie sie
empfand ich Mitgefühl für das Leiden der Familien
und für das amerikanische Volk. Ich warte auch
(wie alle Afrikaner überall) auf dieselbe Woge
der Solidarität für Afrika, das von Malaria,
AIDS, Hungersnot und Dürre usw. heimgesucht wird.
Wie sind Sie auf die Idee zu Ihrem Film gekommen? Sofort,
oder mussten Sie lange darüber nachdenken?
Die Idee zu meinem Film kam mir sofort. Die Fragen,
die die neuen Beziehungen zwischen der entwickelten
und der unterentwickelten Welt aufwerfen, sind Probleme,
die mich schon seit langem beschäftigen.
Hat die vorgegebene zeitliche Beschränkung auf
11 Minuten, 9 Sekunden und 1 Bild pro
Beitrag Sie beim Aufbau Ihrer Geschichte behindert?
Wie gingen Sie damit um?
Ich habe schon viele Kurzfilme gedreht, deswegen war
mir die zeitliche Begrenzung überhaupt kein Problem.
Wie erlebten die Schauspieler und der Stab Ihren Beitrag?
Wie gingen die Dreharbeiten vor sich?
Ich hatte großes Glück. Die Techniker und
Schauspieler wurden zu einer Art Familie und vertrauten
mir bei der Arbeit voll und ganz.
Jeder Regisseur und jede Regisseurin entwickelten einen
völlig eigenen Film, ohne die leiseste Ahnung zu
haben, wie der Beitrag der anderen aussehen würde.
War das für Sie ein Problem? Wie haben Sie dieses
kollektive Werk erlebt oder "gelebt"?
Dass jeder Regisseur in seinem eigenen Teil der Welt
auf die Ereignisse des 11. September je nach seinem
Umfeld reagierte, aufgeschlossen und vorurteilsfrei
und ohne jeden Versuch der Konkurrenz war positiv und
anregend. Die bloße Tatsache, dass dieser Film
ein Gemeinschaftswerk ist, hat jeden
Regisseur beflügelt, sich auf seine eigene Art
auszudrücken und sein Ziel mit fairen Mitteln zu
verfolgen.
Kann der Film Ihrer Ansicht nach unserer Einschätzung
der gegenwärtigen Welt zu einer neuen Perspektive
verhelfen? Kann das Kino als Instrument des Friedens
dienen?
Für uns geht es bei 11'09''01 darum, der Welt neue
Hoffnung zu geben ... und zu einem besseren Verständnis
für kulturelle Vielfalt beizutragen - der einzige
Weg, um dauerhafte Brücken zwischen Völkern
zu errichten. So kann das Kino zum Frieden beitragen.
Glauben Sie, dass die Ereignisse vom 11. September Ihre
künftigen Filme beeinflussen
werden?
Jedes Ereignis von weltweiter Bedeutung beeinflusst
unser Leben ungemein, und es wird wahrscheinlich künftige
intellektuelle und künstlerische Entwicklungen
beeinflussen.
Glauben Sie, dass der 11. September als Bruch gesehen
werden wird, der unsere Zeit in ein "Davor"
und "Danach" einteilt?
Von jetzt an wird die Kultur eine wesentliche Rolle
in zwischenstaatlichen Beziehungen spielen. Es liegt
auf der Hand, dass man den Kräften des Fanatismus
und des Hegemonialdenkens nur durch kulturelle Vielfalt
begegnen kann.
Ken Loach
Großbritannien
Geboren 1936 in Warwick.
Regie Ken Loach
Buch Paul Laverty
Ken Loach
Vladimir Vega
Ausführender Produzent Rebecca O'Brien für
Sixteen Films
Kamera Nigel Willoughby
Peter Hellmich
Jorge Müller Silva
Schnitt Jonathan Morris
Mischung Kevin Brazier, Dave Humphries, Roger Dobson
Musik: Vladimir Vega
Darsteller
Vladimir Vega
Gespräch mit Ken Loach
Wo waren Sie am 11. September 2001? Was empfanden
Sie, als Sie von den Ereignissen
erfuhren?
Ich war bei meiner Mutter in den Midlands. Ich war
erstaunt über die Kühnheit und das Grauen
des Angriffs, aber rückblickend war ein derartiger
Angriff unvermeidlich.
Sie sind als Regisseur sehr beschäftigt. Dennoch
haben Sie nicht lange gezögert, dieser Einladung
Folge zu leisten und einen Kurzfilm zu einem kollektiven
Werk rund um die Ereignisse in New York am 11. September
beizusteuern. Warum? Die Interpretation dieser Ereignisse
wurde von Massenmedien bestimmt, die im Großen
und Ganzen
den Politikern und den Interessen, die sie vertreten,
dienen, und werden von ihnen manipuliert. Das war zu
erwarten gewesen. Deswegen muss es auch andere Stimmen
geben.
Hatten Sie sich bereits überlegt, etwas über
die Ereignisse des 11. September zu machen,
bevor Sie um Mitarbeit an 11'09''01 gebeten wurden?
Nicht direkt.
Welche Ereignisse oder persönliche Erlebnisse wollten
Sie mit Ihrem Beitrag zum Ausdruck
bringen? Welches persönliche Echo auf die Ereignisse
vom 11. September?
Mir ist es lieber, wenn der Film für sich selbst
spricht.
Wie sind Sie auf die Idee zu Ihrem Film gekommen? Sofort,
oder mussten Sie lange darüber nachdenken?
Nach einem Gespräch mit einem chilenischen Freund,
das aber um etwas völlig anderes ging.
Hat die vorgegebene zeitliche Beschränkung auf
11 Minuten, 9 Sekunden und 1 Bild pro
Beitrag Sie beim Aufbau Ihrer Geschichte behindert?
Wie gingen Sie damit um?
Das Fernsehen verlangt einem eine ähnliche Disziplin
ab!
Wie erlebten die Schauspieler und der Stab Ihren Beitrag?
Wie gingen die Dreharbeiten vor sich?
Ich glaube, es war für den Hauptdarsteller eine
sehr schmerzliche, aber notwendige Erfahrung. Jeder
Regisseur und jede Regisseurin entwickelten einen völlig
eigenen Film, ohne die leiseste Ahnung zu haben, wie
der Beitrag der anderen aussehen würde. War das
für Sie ein Problem? Wie haben Sie dieses kollektive
Werk erlebt oder "gelebt"?
Die Beiträge auszutarieren ist Aufgabe der Produzenten
- zum Glück! Kann der Film Ihrer Ansicht nach unserer
Einschätzung der gegenwärtigen Welt zu einer
neuen Perspektive verhelfen? Kann das Kino als Instrument
des Friedens dienen? Weil das Kino reflektierter ist
als der Journalismus - ob nun Print- oder Funkmedien
-, kann es meiner
Ansicht Dinge vermitteln, die von größerer
Dauer sind. Das Kino kann nur als Teil einer größeren
Bewegung zu einem friedlichen Ausweg beitragen.
Glauben Sie, dass die Ereignisse vom 11. September Ihre
künftigen Filme beeinflussen
werden?
Nicht besonders. Es war ein Ereignis innerhalb eines
seit langem schwelenden Konflikts, der uns nicht neu
war.
Glauben Sie, dass der 11. September als Bruch gesehen
werden wird, der unsere Zeit in ein "Davor"
und "Danach" einteilt?
Nein. Es war ein symbolischer Angriff auf die Macht,
für die das World Trade Centre und das
Pentagon eben stehen. Widerstand gegen diese Macht wird
auf viele Arten zum Ausdruck gebracht. So, wie die US-amerikanische
Regierung seit vielen Jahren handelt, muss sie davon
ausgehen, dass sie sich in allen Teilen der Welt Feinde
macht.
Alejandro González Iñárritu
Mexiko
Geboren 1963 in Mexiko.
Buch und Regie Alejandro González Iñárritu
Ausführender Produzent Pelayo Gutierrez für
Zeta Film
Shelly Townsend
Schnitt Robert Duffy
Kim Bica
Mischung Martín Hernandez
Musik Gustavo Santaolalla,
Osvaldo Golijov
Gespräch mit Alejandro González Inarritu
Wo waren Sie am 11. September 2001? Was empfanden
Sie, als Sie von den Ereignissen
erfuhren?
Ich war seit vier Tagen in Los Angeles, wo ich mit meinem
nächsten Filmprojekt beginnen wollte. Paradoxerweise
suchte ich hier nach Sicherheit für meine Familie,
denn Mexico City, wo ich vorher gelebt hatte, ist kein
Ort, an dem man Kinder aufziehen kann - viel zu wüst
und zu gefährlich. Die Ironie wollte es, dass wir
ausgerechnet hier von Terroristen empfangen wurden.
Mein mexikanischer Assistent rief mich frühmorgens
an, und ich verfolgte die ganzen Ereignisse live.
Mir zitterten die Hände, und zwei Tage lang kam
ich einfach nicht mehr vom Fernseher los.
Sie sind als Regisseur sehr beschäftigt. Dennoch
haben Sie nicht lange gezögert, dieser Einladung
Folge zu leisten und einen Kurzfilm zu einem kollektiven
Werk rund um die Ereignisse in New York am 11. September
beizusteuern. Warum?
Ehrlich gesagt, zögerte ich erst einmal, in das
Projekt einzusteigen, denn das Ereignis war so gewaltig
und komplex, dass ich das Gefühl hatte, es würde
mir an der nötigen Distanz fehlen, um darüber
sprechen zu können. Es gab unzählige Blickwinkel,
aus denen man sich ihm annähern konnte, und jeder
fiktionale Ansatz wäre mir zu leichtgewichtig und
oberflächlich erschienen. Später wurde mir
jedoch klar, dass sich hier eine einmalige Gelegenheit
bot: Anstatt das Thema von einer politischen oder philosophischen
Warte aus zu behandeln, konnte ich alles ausdrücken
und festhalten, was ich an diesem Tag an Angst, Finsternis
und Leid erlebt und empfunden hatte - und dies zudem
Seite an
Seite mit einer Reihe phantastischer Filmemacher.
Hatten Sie sich bereits überlegt, etwas über
die Ereignisse des 11. September zu machen,
bevor Sie um Mitarbeit an 11'09''01 gebeten wurden?
Während der Tage um den 11. September hatte ich
so viele gemischte Gefühle, dass ich irgendetwas
unternehmen musste, um sie abzureagieren. Deshalb machte
ich einige Standfotos, die eine amerikanische Zeitschrift
aber nicht veröffentlichen wollte, weil sie zu
dem Zeitpunkt nicht der "political correctness"
entsprachen. Ich war wütend, frustriert und enttäuscht.
Ich hatte lediglich versucht, darauf
aufmerksam zu machen, welche Gefahren, Ungerechtigkeiten
und tragischen Konsequenzen sich aus den Ereignissen
in Afghanistan ergaben
auf den Nationalismus,
der hier in den USA zu neuem Leben erwacht ist. Ich
nannte meine Bildserie "Blinded by the Light".
Wie man sieht, geht mein Kurzfilm in dieselbe Richtung:
Die Sonne kann einen leiten, aber wenn man sie zu lang
anschaut,
verbrennt sie einem die Augen und macht einen blind.
Welche Ereignisse oder persönliche Erlebnisse wollten
Sie mit Ihrem Beitrag zum Ausdruck
bringen?
Mir kam es darauf an zu zeigen, dass dieses Ereignis
über eine rein politische Dimension hinausgeht;
dass es mehr mit der dunklen Seite unseres Wesens zu
tun hat. Es hat mehr mit Kain und Abel zu tun als mit
Bush und Osama. Das Problem, um das es hier geht, ist,
dass Menschen sich selbst, ihre Ängste und Wünsche
durch einen Gott projizieren, den sie sich ihren eigenen
Wünschen entsprechend zurechtgebogen haben, und
auf den berufen sie sich, um ihre eigenen Taten zu rechtfertigen.
Dies kann man im Osten ebenso beobachten wie im Westen.
Es geht um die emotionale Spiritualität, den Fanatismus,
den Fundamentalismus, den Nationalismus und die falsche
Deutung des Lichts Gottes durch die Menschen: Anstatt
sie zu erhellen, blendet es ihren Verstand. Ich wollte
das menschliche Leiden dieses bestimmten Tages erforschen
und mich nicht 11 Minuten lang in politischer Phrasendrescherei
ergehen. Es ist beängstigend, wenn man die Terminologie
der Reden Bushs und der Botschaften Osamas einmal kritisch
untersucht, denn jenseits aller Vernunft sprechen sie
vom Guten, vom Bösen und von Gott, was ja alles
sehr heikle und subjektive Themen sind. Das heißt,
die Frage stellt sich letzten Endes für beide Seiten
der Welt.
Wie sind Sie auf die Idee zu Ihrem Film gekommen? Sofort,
oder mussten Sie lange darüber nachdenken?
Ich habe diesen Kurzfilm als Erfahrung einer Volksgruppe
konzipiert: ein kollektives Gebet mit den Chamula-Indios
aus meinem Land für diese unschuldigen Menschen,
die an jenem Tag starben. Diese Gebete der Leute aus
Chiapas funktionieren wie ein Mantra, und ich habe sie
als Geschenk von mir und meinem Land eingesetzt, das
dazu beitragen soll, die Wunden jenes leidvollen Tages
zu heilen. Diese Opfergabe ist nicht nur für das
amerikanische Volk gedacht, sondern für die Menschheit
insgesamt, für das Ereignis selbst und für
das, was nach diesem Ereignis passierte. Die Chamula
glauben, dass man nach einem langen, schmerzvollen Prozess
ans Licht gelangt, aber nur dann, wenn man in der Lage
ist, die Realität zu erkennen und sich mit ihr
auseinander zu setzen. Eines Nachts wachte ich um drei
Uhr in meinem dunklen Zimmer auf und sah überall
nur Schwarz.
Das war's: Dieselbe Vision und dasselbe Gefühl,
wie ich es auch beim 11. September gehabt hatte. Das
einzige Bild, das ich verwendete, war der fallende Mensch,
gedacht als metaphorische Darstellung des Ikarus. Es
war ja nicht nur dieser einzelne Mensch, der da stürzte,
sondern wir alle
fielen. Den Einsturz des Turms nahm ich als metaphorische
Darstellung des Turms von Babel, in dem jeder eine andere
Sprache spricht und niemand sich mit dem anderen verständigen
kann, also ein Zusammenbruch der romantischen Vorstellung
von globaler Zivilisation. An jenem Tag, dachte ich,
wurde die Fiktion von der Realität getötet.
Die Story und die Bilder hat jeder schon tausendmal
erzählt und zu sehen bekommen; als jemand, der
Fiktionen produziert, trat ich deshalb demütig
einen Schritt zurück und versuchte, einen Tribut
zu leisten in Form von 11 Minuten
visuellen Schweigens, wobei Schwarz für die Farben
des Todes und des Leids steht und Weiß für
das Heilen. Auch wenn der Ton - das Schweigen und die
Musik - nur eine Hälfte vom Kino ausmacht, so ist
er doch eindringlicher und geht über die physische
Erfahrung hinaus. Ton und Musik sind gewissermaßen
ein Höhenflug, während die Bilder banaler
sind. Der Film ist die Antithese des Stummfilms.
Hat die vorgegebene zeitliche Beschränkung auf
11 Minuten, 9 Sekunden und 1 Bild pro
Beitrag Sie beim Aufbau Ihrer Geschichte behindert?
Wie gingen Sie damit um?
Anstatt den Zuschauern mit Hilfe einer Kurzgeschichte
eine Antwort zu liefern, wollte ich die Leute mit ihren
eigenen Bildern konfrontieren, mit ihren eigenen Ängsten
und Empfindungen angesichts dessen, was passiert ist,
und ihnen damit zu einer Katharsis verhelfen. Paradoxerweise
gab es dazu überhaupt nur eine einzige Möglichkeit,
nämlich ohne Bilder zu arbeiten. Die Herausforderung
für mich als Filmemacher bestand also darin, praktisch
einhändig eine
Geschichte zu erzählen und eine Emotion hervorzurufen.
Das war die eigentliche Herausforderung für mich,
nicht so sehr die zeitliche Beschränkung. Ich arbeitete
mit zwei Farben und Hunderten verschiedener realer,
erschreckender Töne aus der ganzen Welt, um etwas
zu erzählen, das bereits erzählt worden war.
Es war ein sehr abstrakter
Prozess und genau das Gegenteil einer üblichen
Kurzfilmproduktion. Ein Kurzfilm ist ja immer schwieriger
zu machen als ein Spielfilm, aber dieser war ganz besonders
schwierig.
Wie erlebten die Schauspieler und der Stab Ihren Beitrag?
Wie gingen die Dreharbeiten vor sich?
Keine Schauspieler, keine Kamera, kein Stab, kein Drehbuch,
nichts
Mein musikalischer Instinkt und die Erinnerung
an diesen rotgekleideten Menschen, der da aus dem Turm
des World Trade Center hinabstürzte, genügten,
um mich auf dieser schmerzvollen Reise zu leiten. Er
war meine Inspiration, denn ich fragte mich immer, was
dieser Mensch beim Hinunterfallen wohl dachte. Ich nahm
die fallenden Menschen als metaphorisches Bild von uns
allen: die Menschheit, die abstürzt wie Ikarus.
Um meinen eigenen Standpunkt ging es mir dabei weniger,
ich wollte mich und
die Zuschauer in die Lage derjenigen versetzen, die
sich innerhalb der Gebäude befanden und auf das
Unvorhersehbare warteten. In einem dunklen Zuschauerraum
ist alles, was passiert, ebenso unvorhersehbar wie das,
was sich an jenem Tag ereignete. Ich war den schizophrenen
Botschaften der US-Medien ausgeliefert, die in gewisser
Weise fast wie ein Terrorist agierten, indem sie unter
den Zuschauern und Hörern Terror verbreiteten.
Deshalb wollte ich auch keine lineare Erzählung.
Ich konstruierte dieses Stück ganz aus meiner Erinnerung.
Es war ein Albtraum, die Rechte auf mehr als
sechzig Audiostücke zu bekommen. Andererseits konnte
ich wieder mit Gustavo Santaolalla, Anibal Kerpel, Martin
Hernandez arbeiten und erstmals mit Osvaldo Golijov
und dem Kronos Quartett, was diese Erfahrung lohnenswert
machte.
Jeder Regisseur und jede Regisseurin entwickelten einen
völlig eigenen Film, ohne die leiseste Ahnung zu
haben, wie der Beitrag der anderen aussehen würde.
War das für Sie ein Problem? Wie haben Sie dieses
kollektive Werk erlebt oder "gelebt"?
Ich hatte nur ein einziges Problem beziehungsweise eine
einzige Befürchtung: Wie würde sich ein abstraktes
Schwarzweißgemälde in einem Raum ausnehmen,
der sich unter Umständen in einem Renaissance-Museum
befand? Ich hatte keine Ahnung, in welchem Kontext mein
Kurzfilm gespielt werden würde, doch letzten Endes
befreite mich meine Unkenntnis, was die anderen machten,
auch irgendwo von meiner eigenen Angst.
Kann der Film Ihrer Ansicht nach unserer Einschätzung
der gegenwärtigen Welt zu einer neuen Perspektive
verhelfen? Kann das Kino als Instrument des Friedens
dienen?
Ich hoffe es. Nur gehören Bürokraten, Politiker
und Machthaber leider nicht unbedingt zu den Leuten,
die sich solche Filme ansehen. Im Gegenteil, ich würde
sagen, dass die meisten Filme, die heute weltweit produziert
werden, unsere aktuelle Situation reflektieren, die
in gewisser Weise mitleiderregend ist.
Glauben Sie, dass die Ereignisse vom 11. September Ihre
künftigen Filme beeinflussen
werden?
Ich denke schon. Ich weiß zwar noch nicht wie,
aber eines steht doch fest: Die Wahrnehmung der Welt
und die Zukunft menschlichen Lebens und Verhaltens sind
durch den 11. September verändert
worden und werden sich auch weiterhin ändern, und
diese Veränderung im Leben der Menschen ist für
jeden Filmemacher eine Quelle der Inspiration.
Glauben Sie, dass der 11. September als Bruch gesehen
werden wird, der unsere Zeit in ein "Davor"
und "Danach" einteilt?
Die romantische Vorstellung von der Globalisierung,
von der Welt als kleines Dorf wird in Zukunft eine völlig
andere sein. Oberflächlich gesehen scheint es,
als sollte die Welt um ihr Überleben willen diesen
Weg weiter verfolgen; doch unterschwellig besinnen sich
die Menschen wieder auf ihre eigene Kultur, Tradition,
Sprache und Herkunft. Es entsteht eine neue Art von
Rassismus, von Fremdenfurcht und
Nationalismus.
Amos Gitaï
Israel
Geboren 1950 in Haifa.
Regie Amos Gitaï
Buch Amos Gitaï
Marie-José Sanselme
Ausführender Produzent Laurent Truchot
Kamera Yoav Kosh
Schnitt Kobi Netanel
Mischung Eric Tisserand
Darsteller
Keren Mor
Liron Levo
Tomer Russo
Gespräch mit Amos Gitaï
Wo waren Sie am 11. September 2001? Was empfanden
Sie, als Sie von den Ereignissen
erfuhren?
Ich war in Paris, auf dem Rückweg vom Toronto
Film Festival. Ich hatte am 11. zurückfliegen sollen,
aber Michel Propper drängte mich, meinen Abflug
auf den 10. vorzuverlegen, was rückblickend sehr
klug war, weil die anderen alle in Toronto festsaßen.
Als ich am Morgen des 11. September in Paris ankam,
holte Laurent Truchot mich am Flughafen ab und fuhr
mich auf seiner Vespa zu Marin Karmitz, wo ich den Produktionsvertrag
für "Kedma" unterschreiben sollte. Als
wir am frühen
Nachmittag die letzten Details aushandelten, sagte man
uns, wir sollten den Fernseher einschalten, und die
Nachrichten über den Angriff auf die Twin Towers
strömten herein. Das Fernsehen hatte keine Skrupel,
die spektakuläre Dimension dieser schockierenden
Nachricht immer wieder aufs Neue auszuschlachten.
Sie sind als Regisseur sehr beschäftigt. Dennoch
haben Sie nicht lange gezögert, dieser Einladung
Folge zu leisten und einen Kurzfilm zu einem kollektiven
Werk rund um die Ereignisse in New York am 11. September
beizusteuern. Warum?
Die Herausforderung faszinierte mich, ich liebe anspruchsvolle
Herausforderungen.
Hatten Sie sich bereits überlegt, etwas über
die Ereignisse des 11. September zu machen,
bevor Sie um Mitarbeit an 11'09''01 gebeten wurden?
Nein.
Welche Ereignisse oder persönliche Erlebnisse wollten
Sie mit Ihrem Beitrag zum Ausdruck
bringen?
Wie die Medien mit einem Thema umgehen. Die Art, es
zu filmen: je größer, desto besser.
Wie sind Sie auf die Idee zu Ihrem Film gekommen? Sofort,
oder mussten Sie lange darüber nachdenken?
Nach gewissen Überlegungen und mehreren Rohentwürfen,
in denen ich andere Konzepte andachte.
Hat die vorgegebene zeitliche Beschränkung auf
11 Minuten, 9 Sekunden und 1 Bild pro Beitrag Sie beim
Aufbau Ihrer Geschichte behindert? Wie gingen Sie damit
um?
Das hat mir gefallen. Ich glaube, dass es eine gute
Vorgehensweise ist, das generelle Thema festzulegen
und dann die formale Länge zu bestimmen. Ich beschloss
dann, eine einzige lange Einstellung von 300 Metern
zu drehen.
Wie erlebten die Schauspieler und der Stab Ihren Beitrag?
Wie gingen die Dreharbeiten vor sich?
Gut, aufregend. Es machte ihnen Spaß, ein Fragment
der dramatischen Realität in Israel und wie es
abgelehnt wird, in eine einzige lange Einstellung zu
packen.
Jeder Regisseur und jede Regisseurin entwickelten einen
völlig eigenen Film, ohne die leiseste Ahnung zu
haben, wie der Beitrag der anderen aussehen würde.
War das für Sie ein Problem? Wie haben Sie dieses
kollektive Werk erlebt oder "gelebt"?
Anfangs nein, dann konzeptuell ja.
Kann der Film Ihrer Ansicht nach unserer Einschätzung
der gegenwärtigen Welt zu einer neuen Perspektive
verhelfen? Kann das Kino als Instrument des Friedens
dienen?
Das Kino kann fest verankerte Ansichten ein wenig ins
Wanken bringen. Das ist gut, wenn auch vermutlich keine
unmittelbare Veränderung der Realität.
Glauben Sie, dass die Ereignisse vom 11. September Ihre
künftigen Filme beeinflussen
werden?
Ja, vielleicht.
Glauben Sie, dass der 11. September als Bruch gesehen
werden wird, der unsere Zeit in ein "Davor"
und "Danach" einteilt?
Schon möglich, aber wir sollten auch unseren Historikern
etwas Platz lassen, um ihre eigenen Theorien zu entwickeln.
Mira Nair
Indien
Geboren 1957 in Bhubaneshwar, Orissa, Indien.
Regie Mira Nair
Buch Sabrina Dhawan
Ausführender Produzent Lydia Dean Pilcher
Emily Gardiner
Kamera Declan Quinn
Schnitt Allyson C. Johnson
Mischung Tom Varga
Musik "Ali Maula Ali"
Darsteller
Tanvi Azmi
Kapil Bawa
Taleb Adlah
Gespräch mit Mira Nair.
Wo waren Sie am 11. September 2001? Was empfanden
Sie, als Sie von den Ereignissen
erfuhren?
Ich war beim Toronto Film Festival und bereitete mich
auf den ersten Pressetag für meinen Film Monsoon
Wedding vor. Ich war bestürzt, ergriffen, dann
klebte ich nur mit meinen Schauspielern am Fernseher.
Sie sind als Regisseurin sehr beschäftigt. Dennoch
haben Sie nicht lange gezögert, dieser Einladung
Folge zu leisten und einen Kurzfilm zu einem kollektiven
Werk rund um die Ereignisse in New York am 11. September
beizusteuern. Warum?
Es war eine Möglichkeit, filmisch den Zustand der
Welt aus der Sicht südasiatischer Augen in New
York zu vermitteln.
Hatten Sie sich bereits überlegt, etwas über
die Ereignisse des 11. September zu machen, bevor Sie
um Mitarbeit an 11'09''01 gebeten wurden?
Nein.
Welche Ereignisse oder persönliche Erlebnisse wollten
Sie mit Ihrem Beitrag zum Ausdruck
bringen?
Ich wollte mich gegen die augenblickliche Welle des
Islamophobie aussprechen, die die Welt seit dem 11.
September heimsucht.
Wie sind Sie auf die Idee zu Ihrem Film gekommen? Sofort,
oder mussten Sie lange darüber nachdenken?
Meine Autorin Sabrina Dhawan machte mich auf die Geschichte
in den Zeitungen aufmerksam.
Hat die vorgegebene zeitliche Beschränkung auf
11 Minuten, 9 Sekunden und 1 Bild pro Beitrag Sie beim
Aufbau Ihrer Geschichte behindert? Wie gingen Sie damit
um?
Meiner Ansicht nach ist die zeitliche Begrenzung konzeptueller
Unsinn französischer Machart.
Wie erlebten die Schauspieler und der Stab Ihren Beitrag?
Wie gingen die Dreharbeiten vor sich?
Es war etwas ganz besonderes und auch bezwingend, weil
die realen Figuren mit den Schauspielern, die sie "spielten",
zusammenkamen, wodurch die Atmosphäre besonders
dicht und echt wurde.
Jeder Regisseur und jede Regisseurin entwickelten einen
völlig eigenen Film, ohne die leiseste Ahnung zu
haben, wie der Beitrag der anderen aussehen würde.
War das für Sie ein Problem? Wie haben Sie dieses
kollektive Werk erlebt oder "gelebt"?
'
Ich habe kein kollektives Werk gelebt. Aber ich achte
die anderen Regisseure sehr und bin gespannt auf die
anderen Beiträge.
Kann der Film Ihrer Ansicht nach unserer Einschätzung
der gegenwärtigen Welt zu einer neuen Perspektive
verhelfen? Kann das Kino als Instrument des Friedens
dienen?
Das Kino muss der Welt, in der wir leben, einen Spiegel
vorhalten. Wir müssen das Medium einsetzen, um
zu provozieren, aufzurütteln, zu unterhalten und
die Menschen aus dem Schlaf zu reißen.
Glauben Sie, dass die Ereignisse vom 11. September Ihre
künftigen Filme beeinflussen
werden?
Ja.
Glauben Sie, dass der 11. September als Bruch gesehen
werden wird, der unsere Zeit in ein "Davor"
und "Danach" einteilt?
Ja.
Sean Penn
Vereinigte Staaten
Geboren 1960 in Santa Monica
Buch und Regie Sean Penn
Ausführender Produzent Jon C. Scheide für
C.I.H Shorts Production
Kamera Samuel Bayer
Schnitt Jay Cassidy (ACE)
Mischung Mike Minkler
Musik Heitor Pereira
Darsteller
Ernest Borgnine
Statement von Sean Penn
Am Abend des 11.September 2001 saß ich mit ein
paar Freunden in meinem Hotelzimmer in Los Angeles.
Von etwa 11 Uhr abends bis um 4 Uhr am frühen Morgen
des 11. September führten wir ironischerweise eine
ziemliche lange und hitzige Diskussion über die
Bedrohung durch den internationalen Terrorismus. Als
mich am nächsten Morgen ein Freund anrief, der
am Abend zuvor etwas solider gewesen war als ich, war
ich quasi bewusstlos. Er sagte, ich soll den Fernseher
anstellen. Ohne zuzuhören, legte ich
wieder auf. Um 10 Uhr vormittags raste ich zu den Studios
von Warner Bros. zu einer Probe. Ich war etwas spät
dran, also konzentrierte ich mich auf die Straße
und stellte das Radio nicht an. Am Eingang zum Studio
wurde ich gefragt, was ich dort suche. Ich sagte, ich
hätte auf Bühne 11 eine Probe. Sie sagten:
"Heute ganz bestimmt nicht" und schickten
mich ohne weitere Erklärung wieder
weg. Als ich im Auto zum Hotel zurückfuhr, stellte
ich das Radio an und hörte die niederschmetternde
Nachricht. Zu der Zeit waren beide Türme eingestürzt,
das Pentagon war getroffen worden, Flug Nr. 93 war in
Pennsylvania abgestürzt. Ich ging ins Hotel, stellte
den Fernseher an und fing an, diesen
entsetzlichen Tag zu verdauen. Als mir durch den Beitrag
zu diesem Film die Möglichkeit gegeben wurde, die
Augen zu schließen und
mir eine Idee, einen Gedanken oder ein Gedicht als Reaktion
auf diesen Tag vorzustellen, sah ich das als eine großartige
Gelegenheit, mich mit meiner eigenen Reaktion auseinander
zu setzen - eineGelegenheit, die ich allen Leuten wünsche.
Bevor ich diesen Film machte, hatte ich mir schon oft
gedacht, dass wir als Künstler selbst in besseren
Zeiten verpflichtet sind, in unserem Werk den gegenwärtigen
Zustand der Welt, in der wir leben, und ihre Bedürfnisse
kreativ und auf alle Arten zu betrachten.
Nach dem 11. September sagte ich einen Spielfilm ab,
den ich gerade machen wollte, der aber in keinem Zusammenhang
mit diesem neuen Ereignis stand oder zumindest nicht
aus ihm erwachsen war. Ich wollte einmal tief durchatmen
und versuchen, mir darüber klar zu werden, wie
unsere neue Verpflichtung nun aussah. Die Ereignisse
jenes Tages, so tragisch sie waren, wurden von den Massen
und von den Medien auf überwältigende Art
verinnerlicht, und ich glaube, irgendwo erleben wir
dabei nicht nur die Verluste und
die Folgen dieser schrecklichen Ereignisse mit, wir
sehen darin auch die Mutter, die ihren Sohn wegen eines
betrunkenen Autofahrers verloren hat, wegen einer Überdosis,
eine Tochter wegen eines Mörders, einen Vater wegen
einer Krankheit usw. Verluste gibt es jeden Tag, danach
folgt der Schmerz. Die Frage ist doch immer, wie man
mit dem Heute seinen Frieden schließen und glauben
kann, dass es morgen besser sein könnte.
Shohei Imamura
Japan
Geboren 1926 in Tokio.
Regie Shohei Imamura
Buch Daisuke Tengan
Ausführender Produzent Nobuyuki Kajikawa for Imamura
Production
Catherine Dussart für C.D.P
Masato Shinada und Masamichi Sawada for Comme
des Cinémas
Kamera Masakazu Oka,
Toshihiro Seino
Schnitt Hajime Okayasu
Mischung Masashi Tara
Darsteller
Tomorowo Taguchi
Kumiko Aso, Akira Emoto
Mitsuko Baisho
Tetsuro Tanba
Gespräch mit Shohei Imamura
Wo waren Sie am 11. September 2001? Was empfanden
Sie, als Sie von den Ereignissen
erfuhren?
Ich war zu Hause. Ich war überrascht, dass der
Terrorismus das mächtigste Land der Welt
herausgefordert hatte.
Sie sind als Regisseur sehr beschäftigt. Dennoch
haben Sie nicht lange gezögert, dieser Einladung
Folge zu leisten und einen Kurzfilm zu einem kollektiven
Werk rund um die Ereignisse in New York am 11. September
beizusteuern. Warum?
Bush machte eine Kriegserklärung. Ich dachte, es
würde ein langer Krieg werden.
Hatten Sie sich bereits überlegt, etwas über
die Ereignisse des 11. September zu machen,
bevor Sie um Mitarbeit an 11'09''01 gebeten wurden?
Nein. Ich holte mir aus der Bibliothek ein Buch mit
dem Titel Islam im Jahr 2000, aber es war dick und kompliziert.
Ich habe es nicht einmal zur Hälfte gelesen.
Welche Ereignisse oder persönliche Erlebnisse wollten
Sie mit Ihrem Beitrag zum Ausdruck
bringen?
Vor dem Hintergrund der Fahne appellierte Bush an die
nationale Solidarität und erklärte seine Vaterlandsliebe.
Das Bild erschien mir ein wenig übertrieben.
Wie sind Sie auf die Idee zu Ihrem Film gekommen? Sofort,
oder mussten Sie lange darüber nachdenken?
Ich hatte gerade wieder eine Gedicht-Anthologie von
Masuji Ibuse gelesen. Darin war eine Gedicht von Tou
Fou, das mich tief berührte. Das Gedicht war kurz
und prägnant. Sofort bat ich Daisuke Tengan, ausgehend
von diesem Gedicht ein Drehbuch zu schreiben.
Hat die vorgegebene zeitliche Beschränkung auf
11 Minuten, 9 Sekunden und 1 Bild pro
Beitrag Sie beim Aufbau Ihrer Geschichte behindert?
Wie gingen Sie damit um?
Elf Minuten waren zu kurz, das bereitete mir große
Schwierigkeiten. Ich baue meine Filme um Dialoge herum
auf, deswegen mache ich auch meist Spielfilme.
Wie erlebten die Schauspieler und der Stab Ihren Beitrag?
Wie gingen die Dreharbeiten vor sich?
Ich bat Ken Ogata, die Kalligraphie zu tuschen und Tou
Fous Gedicht zu lesen. Nijiko Kiyokawa kommt aus der
Komödie, ich hatte schon früher mit ihrem
großen Talent gearbeitet. Ich entschied mich für
sie, weil sie eine große Sanftheit besitzt, die
zu einer Szene in der ersten Fassung des Drehbuchs passt,
in der sie zu ihrem Enkel, der sich wie eine Schlange
verhält, sehr freundlich ist.
Leider wurde sie kurz vor den Dreharbeiten krank und
starb dann. Ich musste jemand anderen finden. Das war
großes Pech.
Jeder Regisseur und jede Regisseurin entwickelten einen
völlig eigenen Film, ohne die leiseste Ahnung zu
haben, wie der Beitrag der anderen aussehen würde.
War das für Sie ein Problem? Wie haben Sie dieses
kollektive Werk erlebt oder "gelebt"?
Das war kein Problem. Ich freute mich darüber,
dass der Film aus der Inspiration vieler Regisseure
von verschiedenen Ländern schöpfen würde.
Kann der Film Ihrer Ansicht nach unserer Einschätzung
der gegenwärtigen Welt zu einer neuen Perspektive
verhelfen? Kann das Kino als Instrument des Friedens
dienen?
Ein Instrument des Friedens? Das glaube ich eher nicht.
Glauben Sie, dass die Ereignisse vom 11. September Ihre
künftigen Filme beeinflussen
werden?
Als ich an diesem kurzen Film arbeitete, dachte ich
weniger an die Ereignisse selbst als vielmehr daran,
was einen richtigen Kurzfilm ausmachen würde. Normalerweise
haben meine Filme 150 Szenen, hier versuchte ich, mit
nur 15 auszukommen.
Glauben Sie, dass der 11. September als Bruch gesehen
werden wird, der unsere Zeit in ein "Davor"
und "Danach" einteilt?
Ein "Bruch" wie der, den die Französische
oder die Russische Revolution bewirkt hat? Das glaube
ich nicht.
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