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Filmtage Augsburg 2002
16. Tage des unabhängigen Films/
Days of Independent Film:
24.11. - 30.11.2002

Spielplan - Führer EX
Do, 28.11.02, 19.00 Uhr, Savoy
Sa, 30.11.02, 21.00 Uhr, Savoy
So, 01.12.02, 21.00 Uhr, Savoy

Führer EX
Beschreibung


Die beiden 18-jährigen Heiko und Tommy haben genug vom grauen Ost-Alltag und unternehmen einen Fluchtversuch über die Staatsgrenze, der aber grandios fehlschlägt. Statt in der Freiheit landen sie im härtesten Knast der DDR.

Tommy sucht Schutz bei den einsitzenden Neo-Nazis, während Heiko sich von dieser Gruppierung distanziert und an den Attacken zweier Mitgefangener fast zugrunde geht. Erneut werden gemeinsame Fluchtpläne geschmiedet. Doch allein Tommy gelingt es, nicht nur das Zuchthaus, sondern auch die Staatsgrenze hinter sich zu lassen. Ironie des Schicksals: kurz nach seiner Ankunft im Westen fällt auch die Mauer. Einige Monate später trifft Tommy seinen alten Kumpel Heiko wieder. Doch die Situation hat sich nun völlig verkehrt: inzwischen ist Heiko zum glühenden Nazi geworden.

"Führer Ex" ist ein Film über ein Problem, das es offiziell gar nicht gab: Neo-Nazis in der DDR. Es ist das Aufbegehren gegen einen maroden Staat, der seine Bürger einsperrt. Als subkultureller Protest ohne klare politische Ausrichtung. Regisseur Winfried Bonengel erzählt die Geschichte einer Nazifizierung. Und in etwa die Geschichte des ehemaligen Neonazis Ingo Hasselbach.


Führer EX
Interview mit dem Autor

Montag, 02. September 2002
Sensibel und gewalttätig: "Führer Ex"
Von Margret Köhler

Nach Motiven aus dem Leben des Neonazi-Aussteigers Ingo Hasselbach erzählt Winfried Bonengels Venedig-Beitrag "Führer Ex", wie zwei DDR-Anarchos in die rechte Szene abdriften. Wir sprachen mit dem Regisseur.

Nach dem Dokumentarfilm "Beruf: Neonazi" jetzt ein Spielfilm zum Thema Neonazis. Woher kommt Ihr Interesse?

Ich bin nicht darauf fixiert. Schon vor zehn Jahren wollte ich diesen Spielfilm drehen. In der Zwischenzeit habe ich Bücher zu
anderen Themen geschrieben und 16 Drehbuchfassungen für "Führer Ex". Mich reizen die Gegensätze von Sensibilität und Gewalt und der Punkt, an dem man einen Menschen brechen kann. Eine Ursache von
Gewalt liegt doch heute auch darin, dass viele Jugendliche das Gefühl haben, ignoriert zu werden. Sie können nur noch durch Wut auf
sich aufmerksam machen.

Sie beziehen sich nur in Ansätzen auf Ihren und Hasselbachs Roman "Die Abrechnung".

Weil ich eigentlich nur die Stimmung der 80er-Jahre in der DDR wiedergeben wollte. Ingo Hasselbach hat mich intensiv beraten. Personen und Geschichte sind fiktiv, ungefähr die Hälfte entspricht den wahren Hintergründen.

Wie kamen Sie auf das Thema?
In einem Zeitungsartikel stieß ich auf ein Resozialisierungsprojekt von Neonazis in der Ostberliner Pfarrstraße. Bis zum Mauerfall hatte ich noch nie einen Neonazi gesehen, ich wusste gar nicht, dass so etwas existiert. Hasselbach erzählte mir von seinem Leben und dem seiner Freunde, von denen ich einige kennen lernte.

Haben Sie sich bewusst für unbekannte und junge Gesichter entschieden?

Es geht um den Verlust von Unschuld, Freundschaft und Demütigungen, da wollte ich unverbrauchte Schauspieler. Es ist unglaubwürdig, wenn ein 35-Jähriger einen 18-Jährigen spielt. Christian Blümel und Aaron
Hildebrand verkörpern exakt diese jugendliche Verletzbarkeit und Verführbarkeit.

Die Brutalität mancher Szenen ist kaum erträglich.

Ich zeige Gewalt nicht um der Gewalt willen. Sie ist teilweise krasser, als ich sie darstelle. Es gibt grauenvolle Schilderungen, wie jemand im Knast von zehn Männern vergewaltigt wird, man Brandsätze in Wohnungen mit Babies werfen wollte oder ein Nazi einen anderen wegen 20 Mark mit einem Stein erschlug. Gewalt ist Bestandteil unseres Lebens. Psychische Gewalt finde ich noch schlimmer als körperliche.

Ingo Hasselbach wurde nach seinem Ausstieg von früheren "Kameraden" verfolgt. Hatten Sie mal Schwierigkeiten mit der rechten Szene?

"Führer Ex" ist ein Spielfilm, eine Dokumentation ist gefährlicher, weil es um konkrete Personen geht. Bei "Beruf: Neonazi" habe ich meine Telefonnummer und Adresse geheim gehalten. Ich lebe in Frankreich und bin dadurch auch geschützter.



Führer EX
Filmdaten

Land: Deutschland 2002
Format: 35mm
Länge: 109 Min.
Sprache: Deutsch
Regie: Winfried Bonengel
Darsteller: Christian Blümel, Aaron Hildebrandt, Jule Flierl, Luci van Org u.a.


Führer EX
Regie: Winfried Bonengel

Fuehrer Ex (2002)
Du bist nicht allein - Die Roy Black Story (1996) (TV) ( Drehbuch)
Beruf Neonazi (1993)

Das Thema Rechtsradikalismus füllt einen großen Platz in der deutschen TV-Landschaft aus. Keine Krimi-Serie, keine nachmittägliche Gerichtsshow hat jenes heiße Eisen in der letzten Zeit ausgelassen. Braucht es da überhaupt einen Kinofilm? Wenn ein Film vom Schlage "Führer Ex" dabei herauskommt, kann die Antwort nur "ja" lauten.

Denn Regisseur Winfried Bonengel beschränkt sich in seinem ersten Leinwand-Projekt nicht auf die üblichen Bilder der Neonazi-Szene: Jugendliche aus sozial benachteiligten Verhältnissen raufen sich aus Langeweile zusammen und grölen ihre Parolen. Dies kommt in "Führer Ex" nur am Rande vor. Die Macher konzentrieren sich vielmehr darauf zu zeigen, wie Jugendliche in DDR-Gefängnissen geradewegs in die rechte Szene hineingetrieben werden konnten.

Die 18-jährigen Heiko (Christian Blümel) und Tommy (Aaron Hildebrand) empfinden ihren Alltag als eng und eintönig. Vom kommunistischen Ostdeutschland in den 80er Jahren halten sie nicht viel, urinieren sie doch voller Freude auf das Blatt "Neues Deutschland". Neben ihrer Arbeit verbringen sie ihre Zeit immer in derselben Kneipe. Doch einen Traum haben sie - weg von hier, nach Australien!


Als Tommy eine DDR-Flagge verbrennt, kommt er zum ersten Mal ins Gefängnis. Nach seiner Entlassung hat er nicht nur sein Aussehen verändert: seinen Hals "ziert" eine Stacheldraht-Tätowierung. Voller Überzeugung erzählt Tommy seinem Freund Heiko von seiner neuen Weltsicht - die DDR sei nur aus Lügen aufgebaut, und die Nazis seien die Einzigen, die dem Widerstand leisteten. Nach einem Fluchtversuch in den Westen landen die Freunde zusammen im Bau. Heiko und Tommy müssen sich gegen die Härte im Gefängnis durchsetzen; gegen Unterdrückung, Vergewaltigung und Vereinnahmung. Auf der Suche nach Schutz schließt sich nach Tommy auch Heiko den Rechten an - vom Regen in die Traufe.

Bemerkenswert an der Umsetzung von "Führer Ex" ist, dass Ex-Neonazi Ingo Hasselbach hier als Co-Autor fungierte und auch während der Dreharbeiten als Berater zur Seite stand. Der Film basiert auf Hasselbachs eigenen Erfahrungen in der rechten Szene; von den Anfängen während der letzten Jahre in der DDR bis zu seinem Ausstieg 1993. Diese Jahre verarbeitete Hasselbach in seinem Buch "Die Abrechnung", das er ebenfalls zusammen mit Regisseur Bonengel schrieb. In den USA erschien der Roman unter dem - vielleicht für Amerika erfolgversprechenderen - Titel "Führer Ex".
Der Film zeigt den möglichen Abstieg eines Jugendlichen vom DDR-Gefängnis direkt in die rechte Szene. Für den Zuschauer wird nachvollziehbar, wie sich Jugendliche in der Hölle eines Gefängnisses einer Gruppe anschließen konnten, die auf den ersten Blick einen Halt bot. Dass die Leiter dieser Gruppe die Ängste und Naivität der Jugendlichen schamlos ausnutzten, kommt ebenfalls sehr gut rüber. Die jungen Leute kamen in den Knast, weil sie gegen die Obrigkeit des Regimes aufbegehrten. Viele bemerkten zu spät das hierarchische Prinzip in der Nazi-Szene.

Im Zentrum von "Führer Ex" steht aber die Freundschaft zwischen Heiko und Tommy. Getragen von der authentischen Darstellung bewegt sich die Beziehung der Freunde durch Höhen und Tiefen. Aaron Hildebrand ("Schule") und Christian Blümer, beide relativ unbekannte Schauspieler, empfehlen sich hier für weitere Aufgaben. Die Stärke des Films - Hasselbachs subjektive Erfahrungen - wirkt in der Aussage des Films aber auch einengend. Der Zuschauer bekommt das Bild einer Neonazi-Laufbahn präsentiert, wie sie Hasselbach erlebte. Der Kontakt mit der rechten Szene im Gefängnis kann also nur eine Möglichkeit darstellen, wie Jugendliche mit dem rechten Sumpf in Kontakt kommen konnten. Ein weiterer Kritikpunkt: nach den ersten Annäherungen im Gefängnis erfolgt ein Schnitt. Daraufhin zeigt der Film plötzlich einen ganz anderen Heiko. War er zuvor schüchtern, zurückhaltend und den rechten Ideen zutiefst abgeneigt, wird dem Zuschauer nun der klischeebehaftete, Reden polternde Demagoge präsentiert. Das wirkt wegen des Zeitsprungs etwas unglaubwürdig; unfreiwillig komisch.

Trotz der Fülle an Neonazi-Dokumentationen im TV ist "Führer Ex" keineswegs überflüssig. Der Film verbindet die biographische Geschichte eines echten Szene-Kenners mit der Geschichte einer Freundschaft, die auch schwere äußere Probleme zu überwinden versteht.


Downloads 16. Tage des unabhängigen Films: Führer EX

Filmbeschreibung im pdf-Format: [go]
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Kino von Moregn