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Filmtage Augsburg 2003

23. Augsburger Kinderfilmfest/
Augsburg Children´s Film Festival:
23. November - 30. November 2003


Wettbewerb 2

Filme für Kinder ab 8


Du bist frei
To Azadi
Regie: Mohammad Ali Talebi


Interview mit Mohamad Ali Talebi
geführt von Lutz Gräfe, Kinder- und Jugendfilmkorrespondenz



KJK: Warum machen Sie Filme?

Mohamad Ali Talebi:
Eigentlich wollte ich ja Dichter werden. Schon als Kind habe ich Gedichte iranischer und ausländischer Dichter gelesen. Als ich dann feststellte, dass ich mich nicht zum Lyriker eigne, habe ich beschlossen, mit meinen Filmen zu dichten. Ich bin ein sehr sensibler Mensch, auch wenn das jetzt etwas merkwürdig klingt. Wenn ich zum Beispiel irgendwo hinfahre und dort einen schönen Wind erlebe, dann drängt es mich danach, dem Gefühl, was ich dabei habe, Ausdruck zu verleihen. As ich klein war, konnte ich diese Gefühle in ausländischen und iranischen Kulturinstituten in Form von Film erleben. Dort sah ich auch Filme von Pasolini und anderen. Und ich erkannte, dass diese Form von Kino auch etwas poetisches hat, dass hier Gefühle ausgedrückt werden. Damals waren diese iranischen und ausländischen Kinos die Orte, wo ich mich am liebsten aufgehalten habe.

KJK: In den letzten Jahren haben wir viele iranische Kinderfilme gesehen, die sich alle glichen. Letztlich gingen sie alle auf Sorab Shadid Saless’ „Yek Eettefaghe Sadeh / Ein einfaches Ereignis“ aus dem Jahre 1973 zurück. Dagegen sieht ihr neuer Film ja doch ganz anders aus. War das auch eine bewußte Abkehr von dieser Form iranischen Kinderfilms?

Mohamad Ali Talebi:
Alle diese Filmemacher und ihre Filme standen in der Tradition des Neorealismus auch wenn sie durchaus unterschiedliche Positionen vertreten. Und natürlich gibt es unterschiede zwischen „Bashu, der kleine Fremde“ und „Wo ist das Haus des Freundes?“; wie es auch Unterschiede zwischen Majid Majidi und Mohsen Makmalbaf gibt. Natürlich gleichen sich viele dieser Film, vor allem, wenn alle mit Laien arbeiten; aber auch in der Darstellung der Armut und der Situation nach dem Krieg gegen den Irak. Die Ähnlichkeit ist also auch in der Historie verwurzelt. Dennoch glaube ich, dass in dieser Zeit ein neues Kino geboren wurde, ja, dass wir jetzt so eine Art Goldenes Zeitalter des iranischen Films erleben. Das ist gar nicht so sehr meine Meinung, sondern das sagen uns Filmemacher wie Theo Angelopoulos oder Werner Herzog.
Aber es stimmt, ich wollte mit meinem Film eine andere Art von Kino machen. Ich wollte, dass Dokumentar- und Spielfilm ineinander fließen und etwas neues ergeben. Das amerikanische Kino ist schon faszinierend, aber es fehlt ihm jegliche Reflexion, jegliche philosophisch fundierte Begrifflichkeit. Das europäische Kino hat all das, aber es fehlt ihm die Faszination des Hollywoodfilms. Wenn man beides verbinden könnte, dann hätten wir wirkliche schöne und interessante, wichtige Filme. Roberto Benignis „Das Leben ist schön“ hat das versucht und es ist ihm auch gelungen. Kein Kino der Illusion sondern eines mit einer fundierten Aussage über die Welt. Ich versuche Im Iran mein eigenes Modell eines faszinierenden und doch künstlerischen Films zu machen. Derartige Filme werden weltweit für 12 bis 15 Millionen Euro gedreht; ich drehe meine Filme mit 150.000 bis 180.000 Euro.

KJK: In der zweiten Geschichte mit Mohsen gibt es eine interessante formale Variante: Wir sehen den Jungen und sein Fahrrad bei der Brücke, dann kommt ein Schwenk, darin ein Schnitt und wir sehen den erwachsenen Mohsen mit dem Heimleiter auf die Stelle schauen, an der Mohsen als Kind schlief.

Mohamad Ali Talebi:
Das Drehbuch war sehr schwierig gerade wenn es um das Überbrücken von Zeit geht. In der ersten Geschichte ging es darum, die Situation von Kindern zu zeigen, die von der eigene Familie nicht akzeptiert werden und damit auch Kritik an diesen Familien zu äußern. Die zweite Geschichte sollte die Odyssee der Kinder durch den Behördenapparat zeigen und verdeutlichen, dass beide versagen; also Familie und Staat. Es sollte sein wie bei James Joyce. Ich bringe die Kinder in Freundschaft zusammen um in ihrer Geschichte und Zukunft ihre Gemeinsamkeiten widerzuspiegeln. Das ist wie beim Teppichknüpfen und es ist mir sehr schwergefallen. Aber so hatte ich Familie und Staat zusammen; die zentralen Verantwortlichen für die Situation der Kinder. Dabei sind unsere technischen Möglichkeiten ja eher begrenzt. Aber das macht das iranische Kino momentan aus: bescheiden und billig zu sein und gleichzeitig künstlerisch zu wirken. Dabei wollte ich immer einen modernen Blick auf die Geschichte dieser Kinder werfen. Und eben nicht mit den klassischen Mitteln wie Überblendung arbeiten.

KJK: Wieviel hat der Film mit ihrer Autobiographie zu tun?

Mohamad Ali Talebi:
Wie viele iranischen Filmemacher stamme ich aus einer weniger gutsituierten Schicht. Mein Vater war Arbeiter und meine Mutter Hausfrau und wir haben als kinderreiche Familie in einer Zweizimmerwohnung gelebt. Als ich 6 oder 8 Jahre alt war, war es nicht so schwierig wie heute. Klar, haben wir auch Streiche gespielt, aber wir sind dafür nicht im Gefängnis oder Heim gelandet. Ich war in einer Kinderbande und da haben wir auch Bleistifte und Hefte gestohlen und wir wurden auch verhaftet, kamen aber wieder frei, aber heute noch erinnere ich mich an diese Angst erwischt zu werden, da muss ich stets dran denken, auch wenn ich Frankfurt einfach nur so in ein Kaufhaus gehe. Ich bin oft von der Schule weggelaufen und dieses Gefühl des Weglaufens passt auch auf die heutigen Kinder und so finden sich bei den Kindern meines Films auch Ereignisse und Gefühle aus meiner Kindheit wieder.

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KJK: Was ist Ihr nächstes Projekt?

Mohamad Ali Talebi:
Es hat einen provisorischen Titel: „Friedensdorf“. Als ein Bewohner des Krisengebietes Naher Osten ist das mein großes Anliegen. Wo ich herkomme, hat der Begriff Frieden keine Bedeutung mehr. So war der 11. September 2001 für uns ein sehr trauriges Ereignis, wir waren total schockiert über das was passiert ist. Diese brutale Gewalt war grausam. Wir glauben, dass man auf brutale Gewalt nicht mit brutaler Gewalt antworten kann. So hat mich der Angriff auf Afghanistan genauso schockiert. Die Weltpolitik ist mir dabei völlig egal. Denn das wird die Welt nicht besser, eher schlechter machen. Denn dann werden überall Menschen getötet, im Irak und vielleicht demnächst auch bei uns im Iran. Und wenn ich verstümmelte Kinder sehe oder die Opfer des Chemiewaffenangriffs 1988 im Irak, dann will ich irgend etwas tun. Die Entwicklung ist so bedrohlich geworden, dass man wirklich darüber nachdenken sollte.
Deswegen muss ich für Frieden arbeiten, beweisen, dass man den Frieden retten kann, zeigen, dass dieser Begriff ein ernstzunehmendes Wort ist. Und so habe ich von hier (Frankfurt) einen Abstecher zu einem Friedensdorf in NRW gemacht und der Film soll von einem kurdischen Mädchen handeln, das in ein deutsches Friedensdorf kommt. Das wird mein erster Film außerhalb des Irans sein. Ich weiß noch nicht, welche Probleme da auf mich warten. Aber es werden andere sein als im Iran. Ich möchte mit den Kindern und überhaupt nur mit Laien arbeiten. Ich hoffe so auch zum Verständnis zwischen uns aus den islamischen Ländern und dem Westen beitragen, möchte mein Verständnis von Film und Welt vermitteln und so zum Abbau von Vorurteilen beitragen. Für mich ist das auch eine Möglichkeit meine Kritik an den herrschenden Verhältnissen auf einer internationalen Basis zu äußeren. Die Finanzierung ist bereits zu mehr als 50 Prozent mit iranischen Geldern (auch meinem eigene) gesichert aber ich suche noch internationale Koproduzenten. Aber ich werde den Film so oder so machen und mich da nicht verbiegen; und wenn ich ihn ausschließlich mit iranischem Geld mache.
Im Iran bin ich auch nicht nur als Filmemacher tätig, sondern werde ständig zu Sitzungen und Kommissionen eingeladen, die sich mit Problemen von Kindern und Jugendlichen befassen. Schließlich sind wir das jüngste Land der Welt, haben den höchsten Anteil an Kinder und Jugendlichen. Und die sind unsere Zukunft. Deswegen versuche ich mit allen möglichen Stellen in Kontakt zu bleiben, die sich mit Kindern und Jugendlichen befassen. Wir versuchen, dem iranischen Kulturministerium klar zu machen, dass der Unterrichtsstoff in unseren Grundschulen total veraltet ist und dass sie als Pflichtfach neben allem anderen auch Film lehren. Denn die Kinder werden mit soviel unnützem Zeug gefüttert, brauchen aber Film. Ich hoffe, dass ich da erfolgreich bin. Unsere Bildungsstruktur ist ziemlich veraltet, wie viele andere Bereiche unserer Gesellschaft. Da ist es schwer neue Formen und Werte einzuführen. Unser großes Problem ist die Erziehung und Bildung der Jugendlichen und Frauen; vor allem der Frauen. Ich hoffe, dass die iranischen Behörden auf diese unsere wichtigsten existentiellen Probleme aufmerksam werden.

KJK: Was wäre ihr Traumprojekt?

Mohamad Ali Talebi: Ein Liebesfilm.
Herr Talebi, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Lutz Gräfe und der Kinder-und Jugendfilmkorrespondenz.

Internet:
http://www.kjk-muenchen.de >> weiter



Kontaktinformationen

Falls Sie Interesse an Schulvorstellungen oder Sondervorstellungen haben:


Filmbüro Augsburg
Frau Ellen Gratza

Schroeckstr. 8
D-86152 Augsburg

Tel.: 0821 / 15 30 78
Fax.: 0821 / 15 55 18

e-mail:
filmbuero@t-online.de

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