|
Hinter einem Hügel der mit Schottersteinen übersäten
afghanischen Steppenlandschaft steigen zwei Frauen und
ein Pferd hoch. Eine flüsternde Frauenstimme zitiert
Federico Garcia Lorcas Gedicht vom Tod des Stiers um
fünf Uhr nachmittags. Wenig später treffen
sie in Kabul ein. Am Ende des Films (Preis der Internationalen
Jury und der ökumenischen Jury in Cannes 2003)
wird sich der Kreis schliessen, wenn Noqreh und Leilomah
hinter einem weiteren öden Hügel dem Blick
der iranischen Filmautorin Samira Machmalbaf entschwinden
und dem alten Afghanistan den Rücken kehren.
Dazwischen reihen sich Episoden in Kabul, die Samira
Machmalbaf in einer Ästhetisierung des Alltags
zu überhöhen versucht. Wie unzählige
andere Flüchtlinge finden auch Noqreh, Leilomah
und Noqrehs Vater, ein alter Mann mit weissem Bart,
vorübergehend Unterschlupf. Mal hausen die Obdachlosen
in einem Flugzeugwrack, mal im völlig zerbombten
Parlamentsgebäude, das vom verlorenen Stolz Afghanistans
zeugt.
Das Thema von Samira Machmalbafs drittem Spielfilm ist
die Stunde Null in der afghanischen Gesellschaft. Jener
Moment, in dem sich die Menschen entscheiden müssen,
ob sie den Weg der traditionellen muslimischen Ordnung
und Moral gehen wollen oder jenen eines aufgeschlossenen
Islams. Für Samira Machmalbaf sind die Positionen
gesetzt: Die drei Hauptfiguren ihres Films verkörpern
Überzeugungen und Alltagserfahrungen. Für
Zwischentöne, Verunsicherungen oder gar einen intellektuellen
Bruch bleibt kein Platz.
Der alte Bärtige beklagt in seinen Monologen mit
dem Pferd die Blasphemie, die Stadt und Land überrollt
habe, und steht für die bedächtigen, aber
unverrückbaren Traditionalisten. Seine Tochter,
Noqreh, verkörpert die moderne afghanische Frau,
wie wir sie uns im Westen vorstellen oder wünschen:
Selbstbewusst und furchtlos. Weil ihr der Vater den
Besuch einer weltlichen Schule verboten hat, muss sie
sich jeden Tag aus der Koranschule stehlen, krempelt
vor der Tür die Burkha hoch, schlüpft in adrette
hochhakige Schuhe und begibt sich auf den Weg der Selbstfindung.
Ihr Vorbild ist Benazir Bhutto, ihr Ziel, die erste
Präsidentin Afghanistans zu werden. Zwischen diesen
beiden Positionen steht Noqrehs duldsame Schwägerin
Leilomah, die mit sterbendem Kind auf dem Arm das Leiden
an sich verkörpert. Unerschütterlich und lethargisch
zugleich hofft sie, ihr verschollener Mann werde zurückkehren,
und will nicht wahrhaben, dass ihr Kind an Unterernährung
stirbt.
Gefestigt werden die Positionen durch Diskurse sowohl
zwischen den Traditionalisten wie auch zwischen den
jungen Frauen, die wie Noqreh die weltliche Schule besuchen.
Gespickt sind diese Diskurse mit Argumenten, die altbekannte
Klischees aufwärmen. Ein Lichtblick und ein Akt
der Befreiung vom Klischee der Hinterwäldler ist
die Begegnung zwischen Noqreh und einem jungen Afghanen,
der sich als Dichter bezeichnet, als stiller Verehrer
Noqreh in ihrem Vorhaben unterstützt und ihr Lorcas
Gedicht schenkt.
Samira Machmalbaf dürfte klever genug sein, die
Statik ihrer konzeptionell an die griechische Tragödie
erinnernde Figurenkonstellation zu durchschauen. Daher
hat sie versucht, die simplifiziert wirkenden Positionen
zu verfremden, was eine für die junge Iranerin
zentrale Frage durchschimmern lässt: Ist neben
dem traditionell islamischen und dem westlichen Gesellschaftsmodell
ein drittes denkbar, das aus der orientalischen Weltanschauung
wachsen könnte? Gesetzt hat Samira Machmalbaf auf
zwei ästhetische Konzepte zur Umsetzung der aneinandergereihten
Episoden, was mitunter erkünstelt wirkt. Einzelne
Szenen setzen auf einen Realismus, der das Elend skizziert,
andere sind geprägt von visueller Mystifizierung,
wie jene, in denen Noqreh auf der Suche nach Wasser,
der Voraussetzung für Leben schlechthin, durch
die düsteren Gänge der Palastruine schweift.
Spätestens hier wird klar, dass die 23jährige
Samira Machmalbaf (noch) im Schatten ihres Vaters Mohsen
Machmalbaf steht, der die Geschichte zum Film geschrieben,
sowie den Film geschnitten und produziert hat.
Robert Richter © 2003
|