Iranische
Filme sind in den letzten Jahren ein fester Bestandteil
des Angebots von Filmfestivals und Kinos in Europa und
auch in Deutschland geworden. Gezeigt wird bei uns indes
nur ein kleiner, die Wirklichkeit verzerrender Ausschnitt
der Arbeiten iranischer Filmschaffender. Abgesehen von
wenigen Ausnahmen wird nur jenen Filmen der Weg zum
Publikum geebnet, die unsere Erwartungen und Vorstellungen
befriedigen: Geschichten, die unser mehr als unvollständiges
Bild der iranischen Gesellschaft festigen und uns dieses
Bild in einem Akt versöhnlicher Bestätigung
zurückgeben. Eine wohl inszenierte Form von Neokolonialismus
auf intellektueller Ebene?
Bei der Auswahl der Filme gingen wir vom Anspruch aus,
die Erwartungshaltung aufzubrechen und aufzuzeigen,
dass das iranische Filmschaffen anders und weit vielfältiger
ist als das, was üblicherweise auf unseren Leinwänden
zu sehen ist. Dass wir schliesslich sechs Spielfilme
und fünf Kurzfilme eines jungen Autors ausgewählt
haben, ist allein auf die Qualität der Filme zurückzuführen.
Zusammengekommen ist ein Länderfokus, der so kontrastreich
ist wie das, was zeitgenössische iranische Filmschaffende
drehen.
Die junge Generation ist gleich mit vier Filmschaffenden
vertreten, die Grenzgänger unterschiedlichster
Art sind: Samira Machmalbaf, die als Talent gefeiert
wird, wenngleich ihr neuster Film „Nachmittags
um fünf“ Klischees der westlichen Erwartungen
bedient. Babak Payami, der sich mit „Stille zwischen
zwei Gedanken“ in die Nesseln gesetzt hat, weil
er, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, eines der
brisantesten Themen aufgreift, den Umgang mit Religion
als Machtinstrument. Dass auch Täter Opfer von
religiös begründeten Wertvorstellungen sind,
zeigt Masiar Baharis Dokumentarfilm „And Along
Came a Spider“ über einen Prostituiertenmörder.
Und schliesslich wird Mohammad Schirwani, der soeben
seinen Spielfilmerstling “Nabel” über
fünf Gestrandete - eine Frau und vier Männer
in einer Teheraner Wohngemeinschaft - fertiggestellt
hat, fünf packende und international preisgekrönte
Kurzfilme zum Wechselspiel zwischen Sehnsucht und Realität
vorstellen.
Unterschiedlicher könnten sie nicht sein: die Filme
von Bahman Farmanara und Ebrahim Hatamikia, zweier erfahrener
und mehrfach ausgezeichneter Filmschaffender. Bahman
Farmanaras Film „Das auf Wasser gebaute Haus“
über einen Frauenarzt zeichnet ein scharfsinniges
Bild einer Gesellschaft im kollektiven Koma. Im Iran
wie auch im Ausland heftige Reaktionen - positive wie
negative - provozierte Ebrahim Hatamikia mit „Niedrige
Höhe“, die mit Thrillerelementen und bösen
Kommentaren gespickte Geschichte einer Flugzeugentführung.
Ein Grenzgänger ist auch Amir Naderi, dessen neuer
Film „Marathon“ sowohl im Länderfokus
Iran als auch im Programm „In Amerika“ vorgestellt
wird. Naderi, der in den 80er Jahren mit „Die
Suche 1“, „Der Läufer“ und „Wasser,
Wind, Sand“ Meilensteine der iranischen Filmgeschichte
schuf, lebt seit vielen Jahren in den USA. Seine Vision
der Wüste hat er mitgenommen ins U-Bahnsystem von
New York: Der rasant durchkomponierte Film „Marathon“
ist eine moderne Symphonie der Grossstadt.
Kinderfilme waren in den 80er Jahren und bis kurz vor
Ende der 90er Jahre das Aushängeschild des iranischen
Films. Der 2001 fertiggestellte Kinderfilm „Du
bist frei“ von Mohammad-Ali Talebi zeigt beispielhaft
die Entwicklung des iranischen Jugendfilms. „Du
bist frei“ läuft im Wettbewerb des Kinderfilmfestes.
Robert Richter, Kurator Länderfokus Iran
2003
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