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ZU SEHEN AM
Fr, 28.11. - 19.00 Uhr im Thalia
Einer der besten Filme bei den Hofer Filmtagen 2003
war einer, den man eigentlich gar nicht sehen wollte:
„Die Kinder sind tot“. Ein Dokumentarfilm
über ein Verbrechen, das im Sommer 1999 in Deutschland
passierte, in einer Plattenbausiedlung in Frankfurt
an der Oder: Eine junge Frau lässt ihre beiden
kleinen Kinder zwei Wochen lang allein Zuhause, als
sie wieder kommt, sind die beiden Jungen tot. Überall
in der Wohnung liegt Müll, in der einen Ecke zusammengerollt
der eine Junge, in der anderen sein Bruder. Die Frau
war gegangen ohne die Versorgung der Kinder sicherzustellen,
so nagen sie verzweifelt an leeren Orangensaft-Packungen,
später finden Gerichtsmediziner Bissspuren bei
einem Jungen, die von seinem Bruder stammen. Eine Nachbarin
sagt: Die beiden Kinder hätten „bestialisch
gebrüllt – und auf einmal war es still“.
Die Kinder sind tot. Die Mutter, Daniela J., damals
23 Jahre alt, ist aufgewachsen in der Plattenbausiedlung.
Mit 17 bekommt sie das erste Kind, dann innerhalb von
vier Jahren drei weitere, alle von verschiedenen Vätern.
Als ihr der Prozess gemacht wird, herrscht eine unglaubliche
Aggression im Land. Eine endlose Flut von Briefen geht
bei Gericht ein, die die Wiedereinführung der Todesstrafe
fordert.
Aelrun Goette hatte aus der Zeitung von dem Fall erfahren
und fuhr zur Verhandlung, weil sie sich immer wieder
gefragt hatte, was hinter den Fakten steckt. Als sie
dann die Stimmung im Gerichtssaal erlebte, war ihr klar,
dass sie darüber einen Film machen will. Ihre Vorgehensweise
ist klassisch und akribisch. Der Film beginnt mit Bildern
vom Prozess und arbeitet sich dann Stück für
Stück in das Verbrechen ein. Goette hat im Gefängnis
Gespräche mit der verurteilten Daniela J. geführt.
Vor allem aber untersucht sie das Umfeld dieser Frau.
Sie geht mit der Kamera in die Plattenbausiedlung und
sieht und hört sich um. Fragt in der Kneipe nach,
was man von dem Fall hält und stößt
auf Schweigen, geht zu Nachbarn und verschafft sich
so einen Eindruck vom Milieu. Schließlich spricht
sie mit der Mutter von Daniela J., der Oma der toten
Kinder, die eine Mitschuld weit von sich weist.
Für Aelrun Goette, Absolventin der HFF „Konrad
Wolf“, ist es ein Film über das Wegschauen.
In Deutschland interessiert sich kein Mensch dafür,
wenn ein Obdachloser unter der Brücke erfriert,
man schaut weg, genauso wie alle im Umfeld der Kinder
weggeschaut haben. Einfach einen Film zu drehen, der
ein Verbrechen nachstellt, das für alle Boulevardmedien
ein gefundenes Fressen ist, wäre zweifelhaft, weil
immer die Gefahr besteht, dass die Öffentlichkeit
sich nur an der Grausamkeit weidet. Aelrun Goettes Absichten
jedoch sind nicht voyeuristisch, und das macht sie mit
ihrem Film auch glaubhaft. Auch wenn sie das Verbrechen
genau beschreibt, sind die brutalsten Szenen doch die,
in denen sie das Umfeld beleuchtet und einem klar wird:
So etwas kann in unserer Gesellschaft immer wieder passieren.
Als Aelrun Goettes Film bei den Hofer Filmtagen gezeigt
wurde, war das Publikum teilweise stumm vor Entsetzen.
Und während die Zuschauer drinnen im Saal mit den
Tränen kämpfen, steht die Filmemacherin draußen
vor der Tür und betont mit fester Stimme:
„Die Kinder mussten dieses Unglück erleiden,
dann ist es meine Verantwortung als Dokumentarfilmerin
dieses Unglück dem Zuschauer nahe zu bringen und
ihm die Möglichkeit zu geben dahinterzuschauen.“
„Die Kinder sind tot“ ist ein Film, den
man sich ansehen muss, auch wenn man ihn kaum erträgt.
Und dann muss man nachdenken, was passieren muss, damit
man solche Verbrechen verhindert.
Sandra Vogell, www.programmkino.de
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