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ZU SEHEN AM
Di , 27.11. - 19.00 Uhr im Savoy
Der Anfang wirkt noch vertraut aus Domestic Violence
(2001), Frederick Wisemans erstem Film über Gewaltätigkeit
in familiären Zusammenhängen: Ein Polizeieinsatz
an einer Straße vor einem Einfamilienhaus in Tampa,
Florida, bei dem eine erste Rekonstruktion des Tathergangs
öfters von den heraufbrechenden Emotionen behindert
wird. Im weiteren Verlauf schlägt der Film allerdings
den entgegengesetzten Weg zu seinem Vorgänger ein
und ist doch die logische Fortsetzung: Wo Teil eins
von den Opfern dominiert wurde sowie die Arbeit in einem
Sozialzentrum in den Mittelpunkt rückte und damit
gleichsam nicht institutionalisierte Strategien des
Konfliktsmanagements verfolgte, verlagert Domestic Violence
2 sein Augenmerk auf die Täter und das Geschehen
an seinen angestammten Ort in den Gerichtssaal.
Wiseman geht vor wie immer, er greift nicht ein, sondern
nutzt eine bestehende Öffentlichkeit, um in langen
Einstellungen die Gerichtsanhörungen mitzuvollziehen.
Der Film ist dabei in mehrere Blöcke geteilt, die
verschiedene Stadien der Verhandlungen zeigen: Es beginnt
bei den Anklagen, bei denen geklärt wird, mit welchen
Personen die Festgenommen in Zukunft keinen Kontakt
mehr haben dürfen. Das Setting erinnert dabei an
jüngere Arbeiten von Harun Farocki, wird doch auch
hier über ein Videodispositiv kommuniziert.
Doch Wiseman interessiert sich weniger für die
formalen Bedingungen, sondern für einen ersten
Einblick in den institutionellen Ablauf (und die soziale
Konstellation) der Fälle.
Deutlicher noch wird dieser Zugang in den weiteren Stationen
des Films, in denen Täter und Opfer vor Gericht
konfrontiert werden und Rede und Antwort stehen, wobei
es einer Richterin obliegt zu entscheiden, ob man es
bei den betroffenen Paaren noch auf einen Versuch ankommen
lässt oder eben nicht. Die Insistenz des Beobachters
und die Dauer, mit der Wiseman Fall für Fall abspult,
sind es hierbei, die eine Fülle an Details erkennen
und letztlich die Dynamiken gewaltbereiter Beziehungen
als komplexe Erfahrungen anschaulich werden lassen.
(Dominik Kamalzadeh)
FREDERICK WISEMAN
Geboren 1930 in Boston. Studium an der Yale Law School.
Seit 1967 arbeitet er als unabhängiger Dokumentarfilmer
und unterrichtet als Gastprofessor an mehreren Universitäten
in den USA. Filme (Auswahl): Titicut Follies (1967,
VIENNALE 92), High School (1968, VIENNALE 94), Model
(1980), Near Death (1989), Zoo (1993, VIENNALE 93),
High School II (1994, VIENNALE 94), Ballet (1995), Public
Housing (1997, VIENNALE 97), Belfast, Maine (1999),
Domestic Violence (VIENNALE 01).
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