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Augsburg 2011

   
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Der Filmtage Blog

Texte: Frank Heindl und Dominik  Sandler - DAZ - Die Augsburger Zeitung http://www.daz-augsburg.de

Keine Scheuklappen vor der Wirklichkeit

Die Tage des Unabhängigen Films: ästhetischer und intellektueller Hochgenuss.

Von Frank Heindl

Manchem Event hat das gute Wetter der vergangenen Tage gar nicht in den Kram gepasst – die Ver-anstalter der afa auf dem Messegelände etwa sehen in sommerlichen Temperaturen den Haupt-grund dafür, dass sie in diesem Jahr 11.000 Besucher weniger gezählt haben. Ein bisschen anders war die Situation bei den Tagen des Unabhängigen Films: Auch hier geht man davon aus, dass bei etwas aprilhafterem Aprilwetter noch mehr Zuschauer den Weg in die dunklen Kinosäle gefunden hätten. Mit insgesamt 19.400 Besuchern kam das Festival aber auf ein respektables Ergebnis. Festivalleiter Franz Fischer: „Wir haben im Vergleich zum Vorjahr praktisch keine Verluste – es ist gar nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn das Wetter normal gewesen wäre.“

Die hohe Zahl errechnet sich aus den Besuchern der vielen Standbeine des Kinofestivals. Eine Besonderheit ist es beispielsweise, dass die Säle des „Kinodreiecks“ aus Mephisto, Thalia und Savoy meist schon vormittags ausverkauft waren: Ab acht Uhr stürmten Schulklassen mit ihren Lehrern die sieben Filme des Kinderfilmfests und weitere Streifen, die im Rahmen der Schulkinowoche Bayern gezeigt wurden. Die Tage des Unabhängigen Films selbst zeigten unter der Rubrik „Lust auf Wirklichkeit“ 14 Dokumentarfilme, unter dem Titel „Best oft he Best" gab es zusätzlich 18 Spielfilme zu sehen – jeweils aus aller Welt und zu den unterschiedlichsten Themen. Als weitere Publikumsmagneten kamen wie immer die von Erwin Schletterer kuratierten vier Programme des Kurzfilmfestivals hinzu.

Das Publikum scheut die schwierigen Themen nicht

Fischer lobt in seinem Resümee weniger seine Filme – „die sprechen für sich“ – als sein Publikum: Für eine Stadt wie Augsburg – keine Filmstadt, da ohne Filmhochschule oder ähnliche Einrichtungen – zeige das Publikum enormes Interesse. Anderswo würden für die Festivals Stars „eingeflogen“, um Zuschauer anzulocken – „in Augsburg dagegen kommen die Leute, weil sie sich für Inhalte interessieren.“ Fischer sieht sein Festival als Exponent einer „niederschwelligen Kulturarbeit“ – tatsächlich sind in seinen Kinos Vertreter aller Schichten und Altersklassen zu Gast. Und dieses Publikum habe keinerlei Scheu vor ernsten und schwierigen Themen.

In der Tat geht das Konzept der Tage des Unabhängigen Films nach wie vor auf: Von Anbiederung an Publikum und Zeitgeist sind die präsentierten Filme allesamt weit entfernt, dafür aber geprägt von einer Offenheit für Menschen, Themen, Problemlagen auf der ganzen Welt. Ein schwieriges, keinewegs optimistisches, aber in großartiger Filmsprache erzähltes Werk wie „Un homme qui crie – Ein Mann der schreit“ aus dem Tschad beispielsweise findet in Augsburg auf Anhieb sein Publikum. Und das bliebt meist – und, wie gesagt, trotz des Traumwetters – nicht nur zum Film, sondern harrt bei den anschließenden Diskussionen lange aus, fragt neugierig, kritisch und detailliert nach. Von „nachhaltiger Kinoarbeit“ spricht Fischer und von einem Angebot an die gesamte Stadtgesellschaft, das von dieser in hohem Maße angenommen werde.

Besser als durch Statements des Festivalleiters lässt sich das Festival durch den Besuch der Filme beurteilen Was sich zehn Tage und Nächte lang in den Sälen des „Kinodreiecks“ abspielte, war sowohl für den Filmfan als auch für den Beobachter der Augsburger Kulturszene äußerst sehenswert. Denn in der Tat ist die nachhaltige Beteiligung des Publikums in Fischers Festivalkonzept keine Phrase eines abgehobenen Kulturkonzepts, sondern bei jedem Film erfahrbare Wirklichkeit. Mehr als 50 Regisseure, Schauspieler und Produzenten hatte das Festival zu Gast – und deren Anwesenheit war stets hochgeschätzt. In der Regel wurde nach einer kurzen Vorstellung der Gäste und einigen einfüh-renden Worten zunächst der Film gezeigt. Anschließend wurde diskutiert – und zwar fast immer aus-führlich. Wann sonst hat man schon Gelegenheit, mit Gästen beispielsweise aus Indien, aus verschie-denen Ländern Afrikas oder aus Kirgistan zu reden?

Im Kaffeehaus am Puls des Festivals

Ebenfalls ohne Beispiel für die Augsburger Festivallandschaft ist das während des Festivals in „Café Filmriss“ umgetaufte Thalia Kaffeehaus. Die lange Tafel, die stets für Gäste und Mitarbeiter des Festivals reserviert ist und an der Fischer seine Crew großzügig bewirten lässt, ist der Kommunikations und Kulminationspunkt der Filmtage – hier schlägt der Puls der Filmtage. Und zwar nicht nur für In-sider, sondern für alle Interessierten: Die Gäste des Festivals sind offene, gut gelaunte und zugängliche Leute, die sich gerne dem Gespräch stellen – und das Publikum nutzt das.

Es fällt schwer, die Höhepunkte der am Sonntag zu Ende gegangenen Filmtage zu definieren – weil es deren sehr viele gab. In ästhetischer Hinsicht waren beispielsweise die Daumenkinos des Volker Ge-ling ein solcher Höhepunkt DAZ berichtete). In kommunikativer Hinsicht gab es andere –zum Beispiel, wenn Realität des Films und Realität des Publikums aufeinandertrafen. Der Regisseur Thomas Ma-jewski hat einen Film über ein kleines Dorf nahe Günzburg gemacht. „Verborgen in Schnuttenbach“ heißt die Dokumentation, in der er einfühlsam und unaufdringlich Bewohner seines Heimatortes vor die Kamera bringt, in dem sich während des Zweiten Weltkrieges ein Zwangsarbeiterlager befand. Am vorvergangenen Sonntag zeigte Majewski sein Werk im Thalia – im Publikum saßen ehemalige Dorfbewohner, die nicht nur einige von Majewskis Protagonisten persönlich gekannt haben, sondern von einigen auch völlig anderen Eindrücke mitbrachten. Majewski reagierte schnell und verabredete sich mit den Gästen zu weiteren Gesprächen. Ob diese Recherchen in eine mögliche Fortsetzung seines Filmes einfließen könnten, weiß der Regisseur noch nicht. Aber wie da unmittelbar während des Festivals ein Film in der Realität weitergeschrieben wurde, wie da eine Wechselwirkung zwischen Publikum und Medium nicht nur behauptet wurde, sondern sich manifestierte – das hat beein-druckt.

Die Wirklichkeit schlägt zurück

Auch für den Dokumentarfilmer Thomas Frickel gab's in Augsburg überaschende Momente. In sei-nem Film „Mondverschwörung“ stellt er Esoteriker vor, die derart verstrickt sind in ihre Scheinwelten aus Verschwörungstheorien und Antisemitismus, dass man mit einigem Recht von Wahrnehmungs-, wenn nicht Geistesstörung sprechen kann. Auch Zahlenmythologen kommen zu Wort, die aus den Buchstaben „www“ und deren Stelle im Alphabet „beweisen“ können, dass das Internet eine Ver-schwörung des „Weltjudentums“ sei. Gibt es solche Verrückten wirklich? Man war geneigt, sie als allzu isolierte und daher irrelevante Einzelwahnsinnige abzutun – bis sich ein Zuschauer während des Publikumsgesprächs mit einem wichtigen Einwand meldete: Das Auto, mit dem der amerikanische Interviewer in Frickels Film quer durch Deutschland fährt, ist ein VW. Schon mal drüber nachgedacht, dass das V im römischen Zahlensystem 5 bedeutet? Und dass das W der 23. Buchstabe des Alphabets ist? Und dass 2 + 3 wieder die 5 ergibt – was übrigens auch bei der Zigarettenmarke „Ernte 23“ der Fall ist? Der Zuschauer hätte gerne noch erläutert, auf welche Weltverschwörung dieser Zusammen-hang „unbestreitbar“ hinweist.

Das übrige Publikum ignorierte ihn höflich – darf sich aber glücklich schätzen darüber, dass Frickels Film – und nicht nur dieser – so wenig vor der Realität halt macht, wie diese vor ihm. Für solch einen ästhetischen wie intellektuellen Hochgenuss braucht es ein Festival, das keine Scheuklappen vor der Realität kennt, sondern im Gegenteil alle Schotten öffnet, um diese hereinzulassen.

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Für eine „tolle, aufregende Woche“ bedankte sich die Eltern-Lehrer-Jury des Kinderfilmfests bei den Veranstaltern der Tage des Unabhängigen Films – vor allem natürlich bei Ellen Gratza, der Leiterin der Kinderfilmtage. Verbunden war das Lob allerdings mit einer (selbstverständlich nur ironisch gemeinten) „Kritik“: „Die Ellen hat's uns sehr schwer gemacht mit ihrer Filmauswahl!“ – Soll heißen: Bei lauter sehr guten Filmen ist es schwierig, einen besten zu küren. Wegen dieses Dilemmas kam schließlich ein komplizierter Kompromiss zustande: die Jury vergab insgesamt sieben Preise. Mit jeweils einer Zirbelnuss wurden folgende Filme ausgezeichnet:

  • „Haroun Aroun“ wurde belobigt für seine „farbenprächtige Bildsprache“ und erhielt eine Zirbelnuss für die besten Kostüme.
  • „Ein Pferd für Klara“: eine Zirbelnuss für die beste Hauptdarstellerin.
  • „Der Himmel hat vier Ecken“: eine Zirbelnuss für die Hauptdarsteller.
  • „Soulboy“: Lob für den „Einblick in eine Welt, die wir so nicht kennen“ und eine Zirbelnuss für die beste Kamera. • „Das Chamäleon schlägt zurück“: Die „spannende und abwechslungsreiche Detektivgeschichte“, erhält eine Zirbelnuss für die Regie.
  • „Wintertochter“: Der Film erhält eine besondere Empfehlung der Jury und eine Zirbelnuss für das Drehbuch: „So kann man auch Kindern komplexe Geschichte erzählen“, fand die Jury.

Den ersten Preis und damit die „Goldene Klappe“ der Lehrer-Eltern-Jury erhielt schließlich „Zoomer“, eine dänische Produktion des Regisseurs Christian E. Christiansen. Der Film, so die Jury, sei „spannend, temporeich und ganz aus der Perspektive der Jungen“ und sensibilisiere für das Problem der Videoüberwachung.“ Die Jury wünsche dem Film „eine deutsche Synchronisierung und weite Verbreitung“. Ellen Gratza freute sich, „Zoomer“ habe zwar noch keinen deutschen Verleih, habe aber schon viele europäische Auszeichnungen, so dass die Voraussetzungen denkbar gut seien.

Der Höhepunkt der Prämierungen beim Kinderfilmfest ist traditionell die Entscheidung der Kinderju-ry. Die Jurymitglieder betonten, es haben ihnen „einen riesen Spaß gemacht“, und bedankten sich nochmals für die Jahres-Freikarte, die sie vom Festival geschenkt bekommen hatten. Auch „Zoomer“, den die anderen beiden Jurys zum besten Film gekürt hatten, hat den Kindern gut gefallen: er sei witzig und gut gespielt – in mancherlei Hinsicht allerdings doch ein bisschen übertrieben. Im ihrem Gewinnerfilm, so die Jury, gehe es um „Action, Liebe, Betrug, Spaß, Gefühle“, und außerdem gebe es „sogar ein Boxkampf“. „Toll war auch die Musik, als sie sich geküsst haben“, betonte ein Jurymitglied, ein anderes wies darauf hin, dass des den Hausmeister, den andere als reichlich übertrieben emp-funden hatten, „sogar in echt“ gebe. Man mag gar nicht nachfragen, wo die Kinder ein solches Ekel kennengelernt haben könnten. Jedenfalls war nicht diesem Statement klar, um welchen Film es sich handelte: „Der Himmel hat vier Ecken“ von Klaus Wirbitzky. Moritz Jahn, der Darsteller des Joschi, war anwesend und nahm die Auszeichnung erfreut entgegen. Sogar die Prügelszene, die im Rahmen der Preisverleihung noch einmal gezeigt wurde, habe ihm großen Spaß gemacht, erzählt er: „Das hat überhaupt nicht weh getan, das war alles nur Stunt und Maske.“

Der Film „Soulboy“ war bei der Jury der Stadtteilmütter äußerst umstritten: Als hart und deprimierend war er von manchen Jurymitgliedern empfunden worden. Einen dritten Preis erhielt der von Tom Tykwer produzierte Film trotz-dem. Auf den zweiten Platz kam bei den Stadtteilmüttern einmal mehr der indische „Haroun Aroun“ – Hauptdarsteller Hamang Mota war das ganze Filmfest über anwesend und konnte sich deshalb auch persönlich über die Ehrung freuen. Auf den ersten Platz kam auch bei dieser Jury – wie schon bei der Eltern-Lehrer-Jury „Zoomer“. Gänzlich unumstritten allerdings war bei den Stadtteilmüttern ein weiterer Ehrenpreis – er wurde an Ellen Gratza vergeben: Die Leiterin des Kinderfilmfests erhielt eine selbst gebastelte Filmrolle, gefüllt mit „internationalen Leckereien“.

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„Aber in mir kommt wieder das Bild, dass es so war“

„Verborgen in Schnuttenbach“: bewegender Dokumentarfilm um ein schwäbisches Kriegsgefangenenlager

Von Frank Heindl

Thomas Majewski ist in Schnuttenbach aufgewachsen, einem kleinen Dorf im Landkreis Günzburg. 1998 erfährt er aus einer Chronik von einem Kriegsgefangenenlager in seinem Dorf und beginnt mit Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm. Elf Jahre arbeitet er an diesem Projekt, hat am Ende 300 Stunden Filmmaterial beisammen. Im vergangenen Dezember hatte „Verborgen in Schnuttenbach Premiere“.

„Jetzt kann man das nicht begreifen. Aber in mir kommt wieder das Bild, dass es so war“ – das sagt einer der ehemaligen holländischen Kriegsgefangenen, die Majewski zurückgeholt hat nach Schnuttenbach. Und es ist das eine Ergreifende an seinem Film, dass man den Interviewten dabei zusehen kann, wie sie in ihren Erinnerungen wühlen, wie sich die Bilder wieder einstellen. Es sind keine schönen Bilder, und doch ist das andere Ergreifende des Filmes, wie sich, mit 60 und mehr Jahren Abstand, die Betroffenen, ohne zu übersehen, welche Seite Täter, welche Opfer war, doch alle als Leidtragende dieses Krieges sehen, der sie zu Schicksalsgeführten, sogar zu Freunden hat werden lassen.

Die Schnuttenbacher scheinen den Kriegsgefangenen gegenüber sehr menschlich gewesen zu sein: Übereinstimmend berichten letztere vor der Kamera, wie sie heimlich Essen zugesteckt bekamen, wie der Bürgermeister als ihr Bewacher sie menschlich behandelte. Es dürfte nicht oft vorgekommen sein, dass Gefangene der Deutschen sich nach dem Krieg bei den Besatzern für ihre Bewacher einsetzten – in Schnuttenbach geschah genau dies, und bevor die Insassen des Lagers in ihre Heimat zurückfuhren, brachten sie beim Bürgermeister gar eine Flasche Schnaps vorbei.

Man mag dem Regisseur ankreiden, dass er seine Interviewpartner sehr schonend behandelt. Jeden einzelnen von ihnen hat er mindestens eine Woche lang mit der Kamera begleitet – und einfach abgewartet, was geschehen würde. Mit dem rabiaten Nachfragen eines Claude Lanzmann, mit dem Insistieren auf Genauigkeit und Schuld, hat diese Vorgehensweise nichts zu tun. Majewski verlässt sich darauf, dass die Menschen seines Dorfes die Wahrheit sagen. Er habe sich über viele von ihnen viele Gedanken gemacht, sagt er im Gespräch, und immer wieder taucht der Satz auf: „Ich habe ihnen geglaubt.“

„Es hat in den Leuten zu arbeiten begonnen“

In der Tat scheint die Zeit vorüber zu sein, in der jede Frage nach den Vorgängen während der Nazizeit zu aggressiven Gegenreaktionen geführt hat, zu verstocktem Leugnen und Abstreiten. Offensichtlich, Majewskis Film zeigt es, kommt man mittlerweile mit einfühlsamer Annäherung weiter. Der Regisseur betont, er habe von der Gemeinde Schnuttenbach jedwede Unterstützung bekommen, weder von offizieller noch von privater Seite sei ihm auch nur ein einziges Mal Auskunft oder Hilfe verwehrt worden. So gewinnt sogar der ehemalige SS-Mann Andres menschliche Züge und gesteht vor der Kamera, dass er in all den Jahren „nie“ über seine Zeit im Krieg gesprochen habe. „Sobald wir zu drehen begonnen haben“, erzählt Majewski, „hat es in den Leuten zu arbeiten begonnen. Oft haben sie am nächsten Tag erzählt, was ihnen in der Nacht noch alles eingefallen ist.“ Andres habe immer wieder beteuert, dass er nie einen Menschen getötet habe. „Ich habe ihm geglaubt“, wiederholt Majewski.

„Verborgen in Schnuttenbach“ bringt viele Geschichten und Erinnerung an den Tag, die ohne Majewski für immer verloren gewesen wären. In dessen Fleiß liegt auch der kleine Nachteil des Film: In elf Jahren Drehzeit hat der Regisseur Material gleich für viele Filme gesammelt. Mehrere gute Schlüsse verpasst der Film deshalb, weil es immer noch weitere Aspekte zu verarbeiten gilt. Dass und wie Schnuttenbach und Offingen in den letzten Kriegstagen von SS und Hitlerjugend gegen die anrückenden Amerikaner „verteidigt“ wurden, gehört eigentlich nur am Rand zum Thema des Films – die Dorfbewohner versteckten in dieser Zeit die Insassen des Gefangenenlagers in ihren Kellern und Scheunen. Und da Majewski natürlich keinen ehemaligen Nazi vor die Kamera bekommt, der diese Geschichte aus SS-Sicht erzählen würde, verläuft auch dieser Teil des Filmes fast zu versöhnlich. Sogar der Sprengexperte, der zu Beginn des Filmes noch sehr bewegt und stolz von einem Empfang beim „Führer“ berichtet, scheint in den letzten Tagen zum Widerstandskämpfer mutiert zu sein.

Ein leises Schluchzen bei der Erinnerung

Wichtiger und weitaus gelungener sind die leisen Stellen des Filmes. Die Mundharmonika des Franzosen Henri, den Majewski nach so langer Zeit nach Schnuttenbach zurückbrachte, der noch immer ein schwer zu verstehendes französisches Schwäbisch spricht und der den alten „Bekannten“ von damals mit innigster Herzlichkeit begegnet; zum Beispiel der stolzen, im hohen Alter beeindruckend starken Maria, die wenige Tage nach Henri gestorben ist; der Holländer, der auf dem ehemaligen Lagergelände ein leises Schluchzen nicht unterdrücken kann: „jetzt stehen wir hier“, sagt er, als ob er noch immer nicht richtig begreifen könne, dass die schrecklichen Zeiten vorüber sind.

Die meisten von Majewskis Protagonisten sind mittlerweile tot – er hat ihre Berichte geradezu in letzter Minute eingefangen. Das Interesse daran ist immens – in Offingen lief „Verborgen in Schnuttenbach“ 16 Wochen lang, in den vergangenen Tage hat der Regisseur seinen Film in der weiteren Umgebung vorgestellt, unter anderem in Krumbach, Meitingen, Ulm und Landsberg. Am Sonntag, 17.4. um 11 Uhr ist er persönlich anwesend, wenn „Verborgen in Schnuttenbach“ nochmals im Thalia läuft.

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"Wir haben uns hier schon ganz viel erkämpft" - Co-Regisseurin Francesca Araiza Andrade mit Moderator Wolfgang Schick vor Punkpublikume bei den Augsburger Filmtagen.

Punk für Anfänger und Fortgeschrittene

Ungewöhnliches Publikum machte sich zur offiziellen Premiere von „Noise and Resistance“ ins Mephisto auf: Punks dominierten den Kinosaal beim Film „Noise and Resistance“, einer Dokumentation über die europäische Punkszene. Julia Ostertag, selbst in der Szene aktiv, ist drei Monate lang an verschiedene Orte in Europa gereist, die sich durch eine starke Punkszene auszeichnen, und hat ein umfassendes Bild der Bewegung geschaffen.

Von Dominik Sandler

Was ist eigentlich Punk? Die äußerst vielfältige Szene erschließt sich dem Außenstehenden auf den ersten Blick nur wenig. Und so ist auch das Bild, das sich dem Kinobesucher zunächst aufdrängt, das von Verweigerern, die (wenn überhaupt) eher diffuse Vorstellungen davon haben, wofür sie eigentlich kämpfen. Es fallen Sätze mit großen Schlagworten wie Unabhängigkeit, Freiheit und „das System“. Sätze, denen wohl auch der Punk ein paar Sitze neben mir zustimmen würde, der ohne ersichtlichen Grund in regelmäßigen Abständen mit dem Fuß gegen die vordere Sitzreihe tritt. So ist das erste Bild, das sich von der Punkszene ergibt, kein positives. Es wird unterstrichen durch den Ton der im Minutentakt im Kino umfallenden Bierflaschen und von der jungen Punkerin aus der ersten Reihe, die schon bald nach Filmstart drogenbedingt zu Boden geht und fortan von ihren Begleitern umsorgt werden muss. Kann das alles sein? Kann das sein, dass sich eine ganze Subkultur dem Dagegensein und dem Herumproleten verschrieben hat?

Die Antwort lautet natürlich nein. Denn was hinter der Szene steckt, erschließt sich erst im Lauf des Films. Punk ist eine vielseitige, schwer greifbare Bewegung. Dazu gehören katalanische Punks, die weitgehend ohne Budget ein alternatives Festival auf die Beine stellen und dafür gerne ihre Zeit opfern. Dazu gehören ebenso norwegische Aktivisten, die in der Nähe von Oslo eine autarke Siedlung betreiben, wie man sie spontan eher der Hippie-Kultur zuschreiben würde. Dazu gehören auch schwedische Feministinnen, die als Cheerleaderinnen für starke Frauen auftreten. Was diese so unterschiedlichen Gruppen verbindet, ist der Gedanke des DIY, des do it yourself: Man lehnt es ab, sich am kapitalistischen System zu beteiligen und versucht, möglichst alles selbst zu machen. Und auch wenn der Szene ein geschlossener ideologischer Überbau fehlt, so verleiht doch das Gefühl, einer großen Bewegung zuzugehören, die die Welt verbessern will, den Beteiligten offensichtlich Flügel. Besonders klar wird das bei den russischen Punks, jenen also, die am deutlichsten gegen das System kämpfen, in das sie hineingeboren wurden: Menschen, die im Kampf gegen den russischen Polizeistaat täglich ihr Leben riskieren.

Das beeindruckt. Und es beeindruckt sichtlich vor allem die Augsburger Punks, die so zahlreich im Kino erschienen sind. Eine Spur Demut schwingt mit, wenn die Regisseurin gefragt wird, warum sie sich Augsburg als Ort für die Premiere ausgesucht hat, eine Stadt also, die nur „wenig zur Szene beizutragen hat“. „Sehr motivierend und inspirierend“ nennt ein Zuschauer den Film. Ein anderer beklagt, er habe die deutsche Szene vermisst. Regisseurin Julia Ostertag wiegelt ab: „Wir haben uns hier schon ganz viel erkämpft und können schon viele Strukturen nutzen, die unsere Vorgänger geschaffen haben.“ Daher habe sich in Deutschland vieles entpolitisiert und festgefahren. Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass beim Punk in Europa wohl mittlerweile andere den Ton angeben. Und doch lehrt der Film, dass Punkaktivismus weit umfassender ist, als das bisher in unser Bewusstsein vorgedrungen ist – und dass auch Punk zu jener Avantgarde gehört, die über unsere bürgerliche Existenz hinausdenkt.

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„Am Set wird nicht gegiggelt“

Güzin Kar, die Regisseurin von „Fliegende Fische müssen ins Meer“ im Interview,

Text: Dominik Sandler

„Fliegende Fische müssen ins Meer“ lautet der Titel einer Komödie um eine ungewöhnliche Familie, bestehend aus drei unterschiedlichen Kindern und der alleinerziehenden Mutter Roberta mit ihrem Hang zu kurzen Liebesabenteuern. Ist das normal? Eine Mutter, die der heiligen Maria verspricht, in Zukunft mit weniger Männern zu schlafen und als Zeichen der Reue ihren „sauteuren“ BH in der Erde vergräbt, ein Kind, das Märchen verschmäht, dagegen voll zufrieden ist, wenn es zum Einschlafen einen Lexikonartikel über die Schuppenflechte vorgelesen bekommt?

Wer in der Filmbeschreibung liest, dass die 15jährige Tochter beschließt, dass es so nicht weitergehen kann und sich selbständig auf die Suche nach einem passenden Mann für ihre Mutter macht, der kann kaum mehr als eine platte, mit flachen Pointen versetzte Geschichte erwarten. Doch weit gefehlt. Güzin Kar entführt mit ihrem Film in eine bunte und gekonnt überzeichnete Alternativwelt, eine Welt, die vielleicht ein bisschen an Pippi Langstrumpf erinnert. Genau wie wir uns dort nicht daran stören, dass Pippi ihr Pferd tragen kann und zur Not auch Nägel isst, so schafft auch „Fliegende Fische“ eine andere Realität, an deren Absurditäten wir uns erfreuen können. „Wir müssen das Kind in uns erhalten“, sagte vor wenigen Tagen der indische Regisseur Vinod Ganatra auf den Augsburger Filmtagen. Wer sich das zu Herzen nimmt, der kann tief versinken in Güzin Kars Komödie und entdeckt einen wunderbar frischen Film, der bei all seinem Tiefgang noch herzliche Lacher hervorruft. Dominik Sandler hat nach der Vorführung mit der Regisseurin gesprochen.

? Frau Kar, in Ihrem Film schildern Sie eine äußerst ungewöhnliche Mutter-Tochter-Beziehung. Welche Gedanken führen zur Entstehung eines solchen Films?

Güzin Kar: Heutzutage thematisieren viele Filme die Vaterrolle. Mutter-Tochter-Beziehungen dagegen wurden in letzter Zeit stark vernachlässigt. Darüber einen Film zu machen, das war vielleicht der Grundgedanke.

? Ihre Filmfamilie ist äußerst skurril: Eine schrille Mutter und drei unterschiedliche Kinder, eins davon mit dunkler Hautfarbe. Wieso diese Familienkonstellation?

Güzin Kar: Nun, dass die Mutter schon mit vielen Männern im Bett war, stand zu Beginn fest. Idealerweise erklärt man so was bildlich, also ohne, dass dafür viel Dialog gebraucht wird. Damit war dann klar, dass die Kinder möglichst unterschiedlich aussehen sollten.

? Obwohl der Film in der heutigen Zeit angesiedelt ist, scheinen viele Bilder aus einer Traumwelt zu stammen. Ist die Geschichte im Grunde ein Märchen?

Güzin Kar: Ja, es ist ein modernes Märchen, würde ich sagen.

? Es waren nur sechs Wochen für die Dreharbeiten eingeplant. Schielt man unter solchen Umständen immer mit einem Auge auf der Uhr?

Diskussionen am Set sind wichtig

Güzin Kar: Grundsätzlich ist es mir wichtig, am Set mit den Schauspielern ausführlich zu diskutieren und klar zu machen, was ich will. Deshalb habe ich mich dem Zeitdruck immer konsequent verweigert. Trotzdem konnten wir den ganzen Film in der vorgesehenen Zeit drehen und das sogar, ohne Überstunden zu machen. Das Team hat also super gearbeitet, die Produzenten können zufrieden sein.

? Liegt es an der guten Stimmung im Team, dass die Familie im Film immer liebenswert und authentisch herüberkommt?

Güzin Kar: Das würde ich nicht sagen. Es gibt im Gegenteil Beispiele für Filme, die trotz schlechter Stimmung gute Resultate erzielt haben, und umgekehrt. Ich bestehe auch bei Komödien darauf, dass man hochkonzentriert arbeitet und am Set nicht gegiggelt wird. Sonst geht die kreative Spannung verloren. Trinken gehen und Spaß haben, das machen wir hinterher. Die Authentizität kommt vielleicht auch daher, dass die jungen Schauspieler auch wirklich so alt sind, wie die Kinder, die sie spielen. Generell nimmt man ja gerne ältere Schauspieler. Ich erinnere mich da aber immer an diese amerikanischen Teenie-Filme, in denen 30jährige auf der Schulbank sitzen, das ist doch grässlich!

? Was letztendlich aus der Familie mit dem neuen „Vater“ wird, bleibt im Film unklar. Gibt es für diese Frage eine Lösung?

Güzin Kar: Das wird dann im Sequel behandelt (lacht). Tatsächlich hat das Team so gut harmoniert, dass die Leute unbedingt wieder zusammen einen Film machen wollen.

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Schwere Entscheidung

Zum Abschluss der Augsburger Kurzfilmtage gab es am Sonntag die Preisverleihung des Kurzfilmwettbewerbs. Sieger wurde der 23minütige Spielfilm „Armadingen“. Im Anschluss an die Preisverleihung wurden die sechs bestplatzierten Filme nochmals gezeigt.

Text: Dominik Sandler

Wie gewohnt traten auch bei den diesjährigen Kurzfilmtagen Filme aus vier Wettbewerbsreihen gegeneinander an. Und wie gewohnt hat Leiter Erwin Schletterer es dem Publikum mit seiner Auswahl nicht leicht gemacht. Entsprechend knapp fiel auch das Urteil der Zuschauer aus: Nur Nachkommastellen trennen die Filme auf den ersten zehn Plätzen, mitunter machte erst die dritte Stelle hinter dem Komma die Platzierung aus. Und Schletterer bescheinigt den Besuchern ein gutes Urteilsvermögen: Nicht nach plumpen Effekten richtete sich Urteil, unter den top ten befänden sich viele hochkarätige Filme. „Das Publikum hat äußerst differenziert abgestimmt“, so sein Fazit.

Gewinner des diesjährigen Wettbewerbs wurde der Film „Armadingen“. „Was passiert eigentlich in einem kleinen Dorf, wenn die Welt untergeht?“, fragte sich Regisseur Robert Käßbohrer und drehte einen Film, in dem ein Bauer im Radio erfährt, das Ende der Welt stehe an, dies jedoch seiner Frau verheimlicht und ihr stattdessen einen letzten schönen Tag bereitet. Jakob Beurle (Kamera und Schnitt) sowie Robert Windisch (Miniaturen des Dorfes, das im Film zerstört wird) nahmen den Preis stellvertretend für ihre Crew entgegen und gaben sich dabei bescheiden: „Wir wissen nicht recht, was wir sagen sollen. Ihr seht vielleicht, wir sind es nicht gewohnt, zu gewinnen.“ Ironisch nahm auch Oliver Walser seinen zweiten Platz auf. Sein „Nicht nur der Himmel ist blau“ war in einem Wettbewerb entstanden, in dem den Teilnehmern nur 48 Stunden Produktionszeit zur Verfügung stand. Daher kommentierte er: „Ich bin schon froh, dass da jemand gewonnen hat, der sich mehr Mühe gegeben hat.“ Dritter auf dem Siegertreppchen wurde „Dónde está Kim Basinger?“, ein amüsanter Schwarzweißfilm über zwei Brüder, die in einem zwielichtigen Etablissement in Buenos Aires übers Ohr gehauen werden.

Besondere Erwähnung verdient sicherlich noch „Big bang big boom“ des italienischen Streetart-Künstlers Blu, der den vierten Platz erreichte. Der Künstler zeichnet in dem Film die Geschichte des Menschen seit dem Urknall nach. Er benutzt dafür jedoch nicht wie jeder andere Trickfilm-Macher Stift und Papier. Als Zeichenuntergrund dienten dem Künstler vielmehr ganze Höfe, Straßen und Häuser. Mit unvorstellbarem Aufwand bemalte Blu ganze Hausfassaden, fotografierte sie und übermalte das vorher geschaffene, um nun das folgende Bild zu malen. Hintereinander gefügt ergeben diese Fotos einen fast zehnminütigen Kurzfilm. Man könnte dem Künstler Größenwahn unterstellen. Allein das Vorhaben, einen „Zeichentrickfilm“ zu drehen, dessen Bildformate teils die Wohnfläche einer vielköpfigen Familie übersteigen, ist dafür Beweis genug. Doch das Resultat dieser Arbeit stellt auch unter ästhetischen Gesichtspunkten vieles Bekannte in den Schatten. Blu schafft eine völlig neue Perspektive, erzeugt aus zweidimensionalen Bildern, gemalt auf eine dreidimensionale Stadt. Gegenstände kommen aus den Gemäden hervor und verschwinden wieder darin. Gezeichnete Figuren manipulieren die plastische Welt, die sie umgibt. Die bemalten Gebäude dienen dabei nicht nur als Leinwand, auf die eine Geschichte projiziert wird, sie sind zugleich Bühnenbild und Requisite.

Neue Erlebnisse zu schaffen und bisher unbekannte Sinneseindrücke hervorzurufen, das ist vielleicht die wichtigste Aufgabe künstlerischen Schaffens und zugleich die schwierigste. Wer das so sieht, für den ist „Big bang – big Boom“ ein Meisterwerk, das seinesgleichen sucht.

Internet-Links zu den online verfügbaren Filmen:

Nicht nur der Himmel ist blau http://www.youtube.com/watch?v=N3hJ7rqRAqg

Big bang big boom (Vorsicht: dieser Film braucht eine große Leinwand! Auf dem Computer kucken ist nur die Notlösung) http://www.blublu.org/sito/video/bbbb.htm

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Sehr, sehr schwarzer Humor

„Kill Me Please“: Sterbehilfe brutal

Von Frank Heindl

Schwarzer Humor sei das, urteilt das Programmheft. Davon aber braucht man schon eine ganze Menge, wenn man Olias Barcos „Kill me please“ lustig finden will.

In einem schlossartigen Gebäude in verschneiter, bergiger Umgebung spielt Barcos Geschichte – genauer ist sie nicht zu verorten. Dr. Kruger führt hier eine Klinik, in der man nicht geheilt, sondern umgebracht wird: Nach eingehender Prüfung assistiert das Personal beim Selbstmord, der Chef selbst ist überzeugt, eines Tages werde der Suizid gar zu den unveräußerlichen Menschenrechten gehören, staatlich sanktioniert sozusagen.

Einem geplanten Selbstmord dürfen wir dann auch zusehen. Der Patient lässt sich für seine letzten drei Minuten – so lange dauert es, bis der Giftcocktail wirkt – noch ein hübsche Studentin verabreichen, den Höhepunkt allerdings erlebt er nicht mehr. Möglicherweise ein schöner Tod – aber den Job der Studentin möchte man eher nicht haben. Wenig später ist's mit dem geregelten Töten ohnehin vorbei. Nach einem Brand in der Nacht versucht ein erster Selbstmordkandidat zu fliehen, wird aber auf der Fahrt im Wald von militanten Suizid-Gegnern aus der Umgebung erschossen. „Kill me please“ – von wegen: Nicht etwa mit Vergnügen geht der todessehnsüchtige Rap-Star dahin – er rennt noch eine ganze Weile um sein Leben. Während sich die bewaffneten Dörfler der „Klinik“ nähern, gerät nun alles aus den Fugen, es setzt ein drastisches Morden und Metzeln ein, bei dem auch deutlich wird, dass kaum ein „Patient“ geistig völlig zurechnungsfähig ist. Selbst der menschlichste unter ihnen nimmt eine Gelegenheit zur versuchten Vergewaltigung gerne mit, zieht dabei aber den Kürzeren – der Zuschauer muss allerdings befürchten, dass sein asthmakrankes Opfer den Überfall nicht deutlich länger überlebt. Ein anderer nagelt den Sarg über einer schutzsuchenden Pflegerin hilfreich zu, bevor er selbst das Zeitliche segnet. Seine eigene Frau hat er kürzlich verloren – beim Pokern.

Todessehnsucht, Wahnsinn und Absurdität

Am Schluss wird keiner mehr leben – nicht mal die aus dem Wald angreifenden Befreier sind dem Wahnsinn der Todessehnsüchtigen gewachsen. Zu den Freiheitsklängen der Marseillaise endet das Schauerdrama, selbst der Klinikchef hat sich aber schon vorher die Freiheit genommen, ebenfalls aus dem Leben zu scheiden – vielleicht nicht ganz freiwillig, aber doch aus eigener Entscheidung und Einsicht in die Aussichtslosigkeit seiner Lage.

Barco hat seinen Film mit durchaus sehenswerten Schwarzweißbildern in Szene gesetzt – der dunkle Wald, die winterliche Umgebung, die schmalen, schlecht beleuchteten Gänge des obskuren Sanatoriums schaffen nach und nach eine klaustrophobische Atmosphäre und allerschlimmste Befürchtungen, die dann auch samt und sonders eingelöst werden. Was das aber alles soll, bleibt trotzdem rätselhaft. Wie gesagt, es gehört eine sehr große Portion sehr schwarzen Humors dazu, um die französisch-belgische Koproduktion lustig zu finden. Soviel Humor brachten einige Zuschauer nicht auf und verließen vorzeitig den Kinosaal. Andere zeigten mehr Durchhaltevermögen, klagten aber anschließend über eine gewisse Langeweile, die sich allmählich eingestellt habe. Dritte wiederum fanden sogar Gefallen am völlig abstrusen Setting, am Wahnsinn der merkwürdigen Patienten und am sich ins Absurde steigernden Plot. Dass der Regisseur eine Debatte über brutale Sterbehilfe anzetteln will, halten wir ebenso wenig für wahrscheinlich wie die Möglichkeit, dass er tatsächlich für medizinisch indizierten Selbstmord plädiert. Am ehesten wollte da einer ein Splatter-Movie auf absurd-hohem Niveau drehen – das jedenfalls ist Olias Barco gelungen.

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Bild links: Karin  Burkhart  mit  ihrem  Lebensgefährten  Winfried  Moser,  Regisseur  Marc Haenecke. Bild rechts: Filmjournalist  Holger  Twele,  Therese  und  Werner  Vogle.

Aufwachen  in  einem  neuen  Leben  

Marc Haenecke hat mit "Zwischen Welten" eine beeindruckende Dokumentation über das Erwachen aus dem künstlichen Koma geschaffen: Über ein halbes Jahr lang begleitete   er mit der Kamera zwei Patienten des Klinikums Augsburg und deren Angehörige auf dem mühsamen Weg zurück ins Leben.    

Text und Fotos: Dominik Sandler

Gelegentlich könnte man meinen, das Filmtage-Publikum sei ein geschlossener Kreis. Ein eingeschworener Haufen von ein paar hundert Leuten, die sich dem zehntägigen Marathon stellen und in kurzer Zeit alles an Film einsaugen, was mitzunehmen ist. Und trotzdem: Auch wenn man den bekannten Gesichtern immer wieder begegnet, so zeigen sich doch je nach Vorstellung Unterschiede beim Publikum. War am Abend zuvor bei „Noise and Resistance“ der Filmsaal noch von vornehmlich unter 30jährigen Punks beherrscht, so dominierten bei „Zwischen Welten“ Menschen, die ihre wilden Jahre schon hinter sich gebracht haben. Das Aufwachen aus dem künstlichen Koma: Scheut sich die Jugend, sich mit einem Thema zu befassen, das so sehr nach Krankenhaus riecht, nach Intensivstation und Magensonde?

In der Tat ist die Vorstellung, weitgehend ohne Bewusstsein dem Klinikpersonal und dessen Technik ausgeliefert zu sein, nicht gerade prickelnd. Denn am Beginn steht der Tiefschlaf. Ohne die Möglichkeit, sich zu äußern, vegetieren die Patienten dahin, angeschlossen an Apparate, von denen sie vollkommen abhängig sind. Auch wenn sich Pfleger und Verwandte sichtlich Mühe geben, ihnen das Leben so angenehm wie möglich zu machen: Es sieht nicht nach einem erstrebenswerten Dasein aus. Doch das Erwachen beginnt. Und der Film macht nur allzu deutlich, dass mit „Erwachen“ nicht das gemeint ist, was wir morgens tun, bevor wir zur Arbeit gehen. Vielmehr handelt es sich um einen langwierigen Prozess, der sich über Monate erstreckt und den Schritt in ein neues Leben markiert. Ein Prozess, der Patienten und Angehörigen alles abverlangt.

Regisseur Haenecke dokumentiert zwei unterschiedliche Schicksale. Da ist die 36jährige Kindergärtnerin Karin Burkhart, sie wurde nach der Operation eines Hirntumors ins künstliche Koma versetzt. Und da ist der ältere Schweißtechniker und Lehrer Werner Vogler, den man nach einem Infarkt ins Klinikum einlieferte. Es sind Schicksale, die zwar jeweils einen Patienten kennen, die jedoch ebenso deren Lebensgefährten betreffen. Und so sind es im Grunde die Schicksale zweier Paare, die der Film beleuchtet. An 60 Drehtagen hat Haenecke die Personen begleitet, die Dreharbeiten starteten im Januar und erstreckten sich bis in den Sommer hinein. Und so langsam, wie die Kälte des Winters dem lebendigen Frühling weicht, so langsam kehrt auch das Leben in die Patienten zurück. Der Zuschauer erlebt aus erstaunlicher Nähe, welche Geduld hier allen Beteiligten abgefordert wird: Das erste Augenzwinkern ist ein Ereignis, bis zum ersten spürbaren Händedruck vergehen dann wieder Wochen. Der Film handelt von den Ängsten, die die Beteiligten plagen, von den beachtlichen Leistungen der Krankenpfleger und letztendlich vor allem von der großen Liebe und Aufopferung, mit der die Partner der Komapatienten ihrem Schicksal begegnen.

Dass das beeindruckt, konnte man nach der Vorstellung auch an den Publikumsreaktionen erkennen: Die Hauptpersonen, die sämtlich anwesend waren, ernteten für ihre Leistungen viel Beifall. „Es war für mich sehr interessant, wie die Aufwachphase verläuft“, meinte außerdem ein Zuschauer, der selbst einst im Koma lag, sich jedoch an sein eigenes Aufwachen nicht erinnern kann. Werner Vogler, der seit seinem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt, offensichtlich aber wieder im vollen Besitz seiner geistigen Fähigkeiten ist, genoss den Auftritt sichtlich und feixte: „Ich tu mir mit dem Aufspringen gerade etwas schwer. Ich bitte Sie, das zu entschuldigen“.

„Zwischen Welten“ war, auch dank der anwesenden Gäste, ein überaus aufschlussreicher Film, aus dem auch jüngere Leute viel mitnehmen konnten. Ebenso hätte das ältere Publikum am Vorabend bei „Noise and Resistance“ einiges dazulernen können. Die Filmtage bieten ein vielseitiges Programm, das die unterschiedlichsten Besuchergruppen anspricht. Doch wer „querschaut“ profitiert am meisten.

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„Mallorca, das ist doch das Sinnbild für Erholung“

Dokumentation, Fake-Dokumentation, Animationsfilm, Spielfilm – bunt gemischt war die Auswahl am dritten Abend der Kurzfilmtage.


Von Dominik Sandler

Das Kurzfilm-Wochenende, das am Mittwoch mit dem ersten Wettbewerb begann, macht wie üblich den „großen Brüdern“ der Langfilme erhebliche Konkurrenz. Volle und übervolle Säle zeigen, dass diesem Genre in Augsburg die Fans nicht ausgehen. Am Freitagabend gab's beim Wettbewerb 3 wieder die gewohnte bunte Mischung: mal schräg, mal heiter, mal pointiert und in der Botschaft auch mal eher schwer verständlich.

„Underground Odyssey“, handelt von zwei Gangstern, die durch eine schier endlos lange Tiefgarage laufen. Währenddessen bringt der eine dem anderen die Fahrt des Odysseus näher: „Es geht immer nur ums Poppen“. Erwin Schletterer, der Leiter der Kurzfilmtage spricht zu Recht von der „originellsten Tiefgaragenszene der Filmgeschichte“.

„Nicht nur der Himmel ist blau“ ist der Titel eines Kurzfilms, der im Rahmen des „48 Hours Film Project“ entstand. Die Teilnehmer bekamen bei diesem Wettbewerb per Los ein bestimmtes Genre zugeteilt und hatten dann 48 Stunden Zeit, dazu einen Film zu drehen. Sechseinhalb Minuten dauert das Resultat, das am Kurzfilmfest zu bewundern war. In dem Mockumentary versucht eine Gruppe junger Leute mit kreativen Einfällen Flugreisen unpopulär zu machen. Oliver Walser, einer der Mitwirkenden, stand nach der Vorführung dem Publikum Rede und Antwort. Er sieht in dem Film auch eine „Satire auf den Terrorismus“. Und er erzählt von den Dreharbeiten, zum Beispiel am Flughafen, wo er einen betrunkenen Piloten spielte, der nicht mehr das Gleichgewicht halten kann und schließlich am Boden endet. Für Passanten war dabei nicht ersichtlich, dass die Szene gespielt war: „Als dann eine Stewardess kam und mir wieder aufhelfen wollte, das war mir schon peinlich.“ Und er weiß zu berichten von Piloten, unter denen der Film erstaunliche Popularität erlangt hat: „Die haben sich die Links zum Youtube-Video begeistert hin- und hergeschickt.“

Einen weiteren unechten Dokumentarfilm gab es mit „Aargh“ zu sehen. Aargh ist eigentlich ein umgänglicher Zeitgenosse. Wegen seines ungewöhnlichen Erscheinungsbildes (siehe Bild) wird er jedoch seit seiner Kindheit in eine Sonderrolle gedrängt. Im Interview reflektiert Aargh seinen Werdegang. Er erzählt, wie er im Kindergarten noch mit seiner Andersartigkeit akzeptiert, in der Schule dann zum Außenseiter wurde, später in Berlin zum „Shootingstar der Experimentalfilmszene“ avancierte, dies jedoch hinter sich ließ und jetzt im Zoo den Beruf des Tierpflegers anstrebt. Das Kamerateam begleitet ihn an seinem ersten Arbeitstag…

Mit Sicherheit ist eine der Stärken des Kurzfilms genau das: Aus bizarren Einfällen kleine Kunstwerke zu schaffen, konzentriert auf nur ein Thema. So hätte es auch bei „Aargh“ werden können. Denn das Leben des Aargh hält Pointen für viele Lacher bereit, Stoff für einige skurrile Minuten. In der Viertelstunde, die der Film jedoch dauert, fühlt man sich zunehmend unangenehm erinnert an ähnliche Szenen aus dem Privatfernsehen, wo unter dem Vorwand der Dokumentation die Sensationslust des Publikums befriedigt wird. Produzentin Sirrka Kluge wusste dem Publikum zwar Interessantes von den Dreharbeiten zu erzählen - etwa von erstaunlichen Reaktionen der Zootiere auf die ungewöhnliche Erscheinung, und überraschten Passanten. Die Frage nach der Aussage des Films blieb jedoch weitgehend unbeantwortet.

„Mein Mallorca“ ist eine echte Dokumentation, die vormacht, wie Personendokus auch sein können. Marita Heiden, Mutter von sieben Kindern, beschreibt in dem 15minütigen Film von Bernadette Knoller ihr gegenwärtiges Leben und ihre Vergangenheit: „Meine Eltern haben getrunken. Wenn du nicht aufgepasst hast, hast du eins in die Fresse bekommen, für nichts und wieder nichts“. Dieser Kindheit ist sie entronnen, und das ist der Grund, aus dem sie stolz auf sich sein kann: Darauf, dass sie es trotzdem geschafft hat, eine intakte Familie zu gründen, darauf, dass sie den Schnapsflaschen im Supermarkt widersteht. Und wenn sie trotz Kindertrubel und Hausarbeit zwischendrin mal Gelegenheit findet, sich im Liegestuhl zu sonnen: Das ist dann ihr Mallorca. Denn „Mallorca, das ist doch das Sinnbild für Erholung.“ Und „Mein Mallorca“ ist ein äußerst gelungener Dokumentarfilm, der zeigt, wie wenig man zum Zufriedensein braucht.

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Nachteulen und Nachtarbeiter

Von Frank Heindl

Regisseure, Schauspieler, Journalisten und nicht zuletzt die Mitarbeiter des Filmfestivals – viele von ihnen sind „Nachteulen“. Nach der Anspannung der Filmpräsentation, nach Publikumsgesprächen und Presseinterviews sitzt man zusammen im „Café Filmriss“. Hier isst und trinkt man gut, hier ist ein ständiges Kommen und Gehen: der Mittelpunkt des Festivals, an dem Informationen getauscht, Ter-mine organisiert, Gespräche geführt werden. Und zwar oftmals bis spät in die Nacht. Samstagnacht etwa ließ sich eine Gruppe um die Regisseure Alexander Riedel („Morgen das Leben“) und seine Frau, die Regisseurin Bettina Timm („Ich Koch“) auch nicht stören, als das Service-Team schon damit begann, das Café für den Frühstücksbrunch am Sonntag umzuräumen. Um zwei Uhr früh trat der Beobachter den Heimweg an, ermüdet von Filmen und Gesprächen, Rindsrouladen und Rot-wein. Wie lange die späten Gäste noch aushielten, wann das Service-Team endlich ins Bett kam, ist ihm daher nicht bekannt. Unser Foto zeigt von links das Team vom Freitag-Nachmittag: Axel und Marco (hinten) sowie Martin, Marlene, Ia, Canan. Zum Service- und Küchenteam gehören noch einige mehr – aber sie sind nie gleichzeitig zu erwischen. Der Dank des Publikums gilt natürlich auch denen, die nicht auf dem Foto sind. Und sich in ihrer Freundlichkeit und Aufmerksamkeit nie beirren lassen – auch wenn die Nacht-eulen unter den Besuchern gar nicht müde werden wollen.

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Das Leben geht weiter – für manche

„Un homme qui crie“ – eine Vater-Sohn-Geschichte aus dem Tschad

Von Frank Heindl

„La vie continue“, sagt der Koch, nachdem er entlassen worden ist – das Leben geht weiter. Doch das ist nicht sicher, denn schon wenig später liegt er mit Herzbeschwerden im Krankenhaus. Auch Adam, der Protagonist in Mahamat-Saleh Hamouds Film „Un homme qui crie – Ein Mann der schreit“, kommt mit seinen Lebensmaximen nicht mehr weiter, als er von zwei Seiten eingekesselt wird: Im Hotel, wo die Elite Urlaub macht und Adam arbeitet, ist die Globalisierung angekommen, wird rationalisiert und entlassen; draußen, wo das Volk lebt, ist Bürgerkrieg, werden Soldaten eingezogen – die Regierung fordert Adams Sohn.

„Afrika ist der Kontinent des Ungesagten“, sagt der Regisseur (siehe unser Gespräch mit Mahamat-Saleh Hamouds weiter unten). Und zeigt in seinem dritten Film zum dritten Mal eine Vater-Sohn-Geschichte – den letzten Teil der Trilogie. In „Un homme qui crie“ verstehen sich Vater und Sohn zunächst prächtig. In kindlichen Ernst versucht der junge Mann, seinen Vater zu besiegen, den alle wegen seiner früheren Erfolge als Schwimmer den „Champion“ nennen. Doch als die Probleme näher rücken, wird aus dem Wettbewerb Ernst, herrscht anhaltende Sprachlosigkeit zwischen den beiden. Adam verliert den Job am Hotelpool, der sein Leben bedeutet, an den Sohn – nicht ahnend, dass auch dieser ihm etwas verschweigt: Er braucht die Anstellung dringend, weil seine Freundin schwanger ist. Doch Adam verrät seinen Sohn auf die schlimmste Weise, indem er ihn der Regierung als Soldat meldet.

Die Kamera – ganz nah an der blutenden Melone

„Ein Mann geht seinen Weg“, scheint Adam zu denken. Dass der nicht einfach ist, sieht man seinem Gesicht an, erkennt man an seinem unbeirrten und trotzdem ratlosen Dahineilen durch die Gassen der Stadt. Doch er spricht mit niemandem über seine Probleme, seinen Sohn, seinen Job. Nur dass er an seinem Gott zu zweifeln beginnt, das diskutiert er mit einem Freund. „Unser Fehler ist, dass wir unser Schicksal in Gottes Hände gelegt haben“, bestätigt dieser – auch eine Kritik am afrikanischen Fatalismus, am Hang, die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen.

Dem Regisseur allerdings geht es vor allem um die Gewalt: Um jene, die das Land in Form des Bürgerkrieges heimsucht, ohne dass die Betroffenen die geringste Ahnung haben, worum es den Rebellen eigentlich geht. Und um jene Gewalt der Sprachlosigkeit, die zwischen Vater und Sohn herrscht. So nah geht er mit seiner Kamera an die Dinge heran, dass man als Zuschauer das Messer zu fürchten beginnt, das die Melone zerteilt – wie Blut sieht der rote Saft aus, der ihr entströmt; in aller Deutlichkeit, mit größter Ruhe und Gelassenheit folgt die Kamera dem Vorgang, lässt sich und dem Zuschauer alle Zeit zum Sehen und Nachdenken. Selten nur bricht Hektik ein in diese Bilder – etwa als die Menschen in Scharen die Stadt verlassen und nach Kamerun fliehen. Doch Adam bleibt ruhig, geht als einziger pflichtbewusst in „sein“ Hotel, hält an der Arbeit fest, die sein Leben ist.

Der ungeborene Enkel ist schon Opfer

Zu spät überkommt ihn das schlechte Gewissen. Ein Brief des schwer verletzten Sohnes: Da macht der Vater sich auf ins Militärkrankenhaus, entführt ihn, bringt ihn noch einmal an den Fluss – doch bei der Ankunft ist der Sohn schon tot, hat das kalte, blutige Messer der Gewalt die Familie zerstört. Auch im islamischen Tschad werden die Toten normalerweise beerdigt – doch nachdem Adam der Regierung seinen Sohn gestohlen hat, verweigert er sich nun auch den Gebräuchen und der Tradition: Er lässt die Leiche den Fluss hinabtreiben, den letzten Wunsch des Sohnes entsprechend. Das Leben geht weiter – aber nicht für alle. Und Adams Enkel, noch nicht geboren, ist schon Opfer.

Es gebe kein Gesetz, sagt Hamoud, das vorschreibe, Filme müssten schnell geschnitten sein. Das ist ein Glück: „Un homme qui crie“ fesselt nahezu unmerklich durch seine langsame Behäbigkeit, durch den beharrlichen Blick der Kamera, die sich nicht ablenken lässt. Der Regisseur nennt Wim Wenders als Vorbild, vor allem dessen frühes Werk „Im Lauf der Zeit“ – Hamouds Blick ist nicht nur afrikanisch, hat auch universelle Bedeutung – und wird international verstanden: „Un homme qui crie“ hat im offiziellen Wettbewerb von Cannes den Preis der Jury erhalten und deshalb schnell einen europäischen Verleiher gefunden – der Film wird bald auch außerhalb der Festivals in den Kinos zu sehen sein.

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„Verantwortung bedeutet Antworten geben“

Regisseur Mahamad-Saleh Haroun im Interview.

Von Frank Heindl

? Monsieur Haroun, Sie haben im Publikumsgespräch nach der Präsentation Ihres Filmes erwähnt, dass auch Sie selbst im Bürgerkrieg im Tschad verwundet wurden …

Haroun:
Das ist richtig. 1997, ich war damals 19, wollte mein Vater mich in Kamerun vor dem Bür-gerkrieg im Tschad in Sicherheit bringen. Auf dieser Flucht bin ich von einem Querschläger getroffen worden. Er hat mich dann über den Grenzfluss gebracht, in dem Adam im Film seinen Sohn beerdigt. Damals war das Flussbett allerdings fast ausgetrocknet.

? Sie thematisieren nun zum dritten Mal eine afrikanische Vater-Sohn-Beziehung. Hat auch das et-was mit Ihrer eigenen Geschichte zu tun?

Haroun:
Nein, überhaupt nicht! Mein Vater war ein toller Mann. Aber die Beziehungen der Väter zu Ihren Söhnen sind in Afrika immer noch so sehr von der Gewalt geprägt – und von der Tatsache, dass nicht gesprochen wird. Afrika ist geradezu der Kontinent des Ungesagten: Das, was wirklich wichtig ist, wird nicht ausgesprochen. Deshalb dominiert das Nicht-Gesagte ja den ganzen Film.

? Also ein Film gegen die Gewalt?
Haroun: Ja, selbstverständlich – aber es geht natürlich auch darum, was man für eine Vision davon hat, was aus der Menschheit werden soll.

„Das Leben ist eine Tragödie“

? Was ist Ihre Vision der Zukunft?

Haroun:
Es ist mittlerweile eine sehr pessimistische, damit bin ich ja nicht alleine. Den Optimismus überlasse ich den Bekloppten. Ich empfinde das Leben eher als Tragödie – es bewegt sich doch von Anfang an auf den Tod hin.

? Zurück zur Gewalt: Ist Sie wirklich ein Problem von Vater und Sohn? Ist sie speziell in Afrika nicht auch ein Resultat der Ausbeutungsgeschichte seit Sklaverei und Kolonialisierung?

Haroun:
Das Argument akzeptiere ich nicht mehr. Im Tschad war 40 Jahr lang Bürgerkrieg. Oder nehmen Sie das aktuellste Beispiel: Die Elfenbeinküste war für lange Zeit ein positives Beispiel auch für die ökonomische Entwicklung Afrikas – nun herrscht auch dort der Krieg. Man kann das nicht für immer und ewig auf die Kolonialherrschaft schieben. Ich weiß, dass im Tschad 40 Jahre lang die Gewalt immer wieder vom Vater auf den Sohn weitergegeben wurde. Die Gewalt lastet auf den Söhnen wie eine Hypothek, die die Söhne nur mit wieder neuer Gewalt abzahlen können – ein Teufelskreis, denn in Afrika ist jeder Mann Vater eines Kindes. Und in diesen patriarchalen Gesellschaften ist der Vater heilig. Genau da will ich ansetzen: Adam ist auch Opfer – er kämpft um seinen Job, um die An-erkennung. Was die Afrikaner durch die Globalisierung gelernt haben ist: Ohne Arbeit ist ein Mann kein Mann, ist ein Mensch kein Mensch. Aber Adam ist kein Heiliger – er verrät seinen Sohn.

Verantwortung hat mit Sprechen zu tun

? Wie übernimmt man in solchen Verhältnissen positive Verantwortung für seine Kinder?

Haroun:
In allen meinen Filmen geht es um die „Unverantwortlichkeit“ der Männer. In den romani-schen Sprachen, auch im Englischen, ist das noch deutlicher als im Deutschen: Responsibility heißt Ver-antwortung, to respond bedeutet antworten, vom lateinischen respondere. Deshalb hat Respon-sibility mit Sprechen zu tun, damit, dass man Fragen beantwortet, auch die, die keiner laut gestellt hat. Wer hat Schuld am Krieg? Was ist mit Gott? Erst am Schluss ist der Vater zum ersten Mal ver-antwortlich, weil er dem Wunsch des Sohnes nachkommt, noch einmal im Fluss zu baden. Weil er sich damit gegen die Gesellschaft und deren falsche Antworten stellt. Verantwortung bedeutet also zu sprechen und Antworten zu geben!

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Weltpremiere in Augsburg

Von Frank Heindl

„Der Himmel hat vier Ecken“, Klaus Wirbitzkys Film (nicht nur) über einen Berliner Hinterhof, in dem schrille Typen verkehren und wo dicke (Kinder-)Freundschaften geschlossen werden, wurde in Augsburg zum ersten Mal vor Publikum ge-zeigt. Zwei der Hauptdarsteller waren mit dabei: Sophie Charlotte Schirmer (Jessica) und Lukas Mrowietz (Niko). Sowohl die kleinen Fans unter den Premierengästen als auch die Mitglieder der Augsburger Filmfest-Kinderjury (sie wählen und prämieren am Schluss ihren Lieblingsfilm) waren stolz, mit den „Stars“ ein einem Tisch im Kaffeehauz zu sitzen…

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Frech wie im Film

Von Frank Heindl

Johannes Schmids „Wintertochter“ hatte in Augsburg Premiere. Die drei Hauptdarsteller genossen es, kleine Filmstars zu sein und sich auf dem roten Teppich vor dem Thalia-Kino zu tummeln. Von links: Nina Monka, Leon Seidel und Dominik Nowal. Vor allem Leon überrasch-te Publikum und andere damit, dass er sich in nichts von dem frechen Jungen unterschied, den er im Film spielt. Der heißt „Knäcke“ und schmuggelt sich schon ganz zu Anfang in ein Auto, das sich auf die Reise bis nach Danzig begibt. Als blinder Passagier fällt er bei einer Polizeikontrolle aus dem Koffer-raum – genau rechtzeitig, denn er musste gerade dringend mal. In Augsburg fiel „Knäcke“ dadurch auf, dass er auch Journalisten gegenüber immer einen kessen Spruch auf den Lippen hatte – und mehrmals versuchte, das Handy des Blog-Reporters verschwinden zu lassen.

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Zur rechten Zeit am rechten Ort

Von Frank Heindl

Lisa Sperling und Florian Kläger, die Regisseure von „Stutt-gart 21 – Dank mal!“, mit dem die Tage des Unabhängigen Films in diesem Jahr eröffnet wurden, hielten von Anfang an die Kamera drauf, als der in Stuttgart geplante unterirdische Bahnhof für Un-mut in der Bevölkerung sorgte. Aber auch in Augsburg waren sie am rechten Ort: Die Jungregisseure blieben noch länger in Augsburg und wurden häufig im Kino gesehen.

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Ansturm

Von Frank Heindl

Die Veranstalter sind mehr als zufrieden mit dem bisherigen Verlauf des Augsburger Filmfests. Festivalleiter Franz Fischer: „Wir werden teilweise regelrecht überlaufen.“ Auch an den Tagen in der Wochenmitte, die erfahrungsgemäß eher „schwächeln“, seien die Besucherzahlen er-staunlich hoch gewesen. Nicht einmal das wunderbare Wetter halte das Publikum von den Kinosälen fern. Fischer: „Sogar in den Nachmittagsvorstellungen ist enorm viel Publikum – vormittags ist das eh klar, weil wir da Kinderfilme zeigen und Schulklassen unsere Säle füllen.“ Bei der Eröffnung der Kurz-filmtage am gestrigen Mittwoch herrschte erwartungsgemäß „drangvolle Enge“ – aber das ist man ja gewohnt bei der von Erwin Schletterer geleiteten Veranstaltungsreihe.

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Gescheiterter Rollenwechsel

In „Abel“ aus Mexico will ein Neunjähriger den Vater ersetzen

Von Frank Heindl

Kein Wort kommt über Abels Lippen. Seit zwei Jahren nicht – seit der Vater die Familie verlassen hat. Trotzdem holt die Mutter ihn nun heim aus der Kinderklinik, denn ins ferne Mexico City will sie ihn nicht verlegen lassen. Und zuhause findet Abel tatsächlich eine Lösung – vorläufig.

Dort allerdings ist die Situation ein wenig desolat: Das Haus ist eine halbe Ruine; die Stromspannung schwankt; man schaut mit zwei Apparaten fern: der eine liefert den Ton, der andere das Bild; die ältere Schwester befolgt selten, was die Mutter anordnet; und der kleine Bruder hängt orientierungslos dazwischen. Abel ahnt: In dieser Familie fehlt der Vater. Und Abel glaubt, diese Rolle ausfüllen zu können. Schon wenige Tage nach seiner Rückkehr vollzieht sich eine Wandlung: Abel repariert das Klo, deckt nachts sorgsam die Geschwister zu, spricht erste Sätze – und haut mit der Faust auf den Tisch, als die große Schwester mal wieder Cola statt Milch will.

Ein Neunjähriger, der den erwachsenen Macho spielt – ein kurioses Bild, das in Diego Lunas „Abel“ für viel Gelächter sorgt. Abel schenkt der Mutter einen Ring, schläft im Ehebett, ahnt sogar, was Männer dort zu tun haben, weiß, dass die Zigarette danach irgendwie dazugehört. Und verkündet folgerichtig beim nächsten Frühstück, Mama und Papa hätten dem Storch einen Brief geschrieben, bald werde es ein weiteres Geschwisterchen geben. In der verzweifelten Hoffnung, seine Genesung voranzutreiben, spielen alle das Spiel mit – doch für Abel ist es kein Spiel. Noch komplizierter wird es, als der richtige Vater zurückkommt. Er habe in den USA gearbeitet, behauptet er, bringt Geschenke mit, will wieder einziehen – und gesteht anderen Männern, dass er in Wahrheit in einem anderen Landesteil eine weitere Familie hat. Abel aber erkennt ihn nicht – weil er seine Rolle als Vater nicht mehr anerkennen kann.

Tieftraurige Filme über das Versagen der Väter

„Abel“, eine mexikanisch-nordamerikanische Koproduktion, wirft einen drastischen, bitteren Blick auf die Rolle der Väter in Südamerika und den Ländern der Dritten Welt. Sicherlich ist es so, dass dort Männer oftmals gezwungen sind, ihre Familie zu verlassen um anderswo Arbeit zu finden. Doch das ist nur der eine Teil der Wahrheit. Der andere ist, dass sie oftmals gehen, weil sie keine Verantwortung tragen wollen, dass sie kein Geld schicken und niemals zurückkehren, weil sie anderswo andere Familien gründen. Dann verzweifeln Mütter an der Mehrfachbelastung, müssen Halbwüchsige die Ernährerrolle übernehmen, zerbrechen Familien in ihre Einzelteile.

Bei aller Situationskomik ist „Abel“ ein tieftrauriger Film, der sich nur vordergründig um die psychische Störung eines Kindes dreht. Denn Abel ist der selbst auferlegten Rolle natürlich nicht gewachsen, bürdet sich Aufgaben auf, die er nicht bewältigen kann. Als der Nichtschwimmer versucht, dem kleinen Bruder das Schwimmen beizubringen, ist das beinahe beider Tod – und ein treffliches Bild für das Fehlen des Vaters: Wie schwimmen, wie leben lernen, wenn keiner da ist, der es einem zeigt?

Lunas Film lässt das Ende offen. Vater und Mutter tauchen als Lebensretter auf – aber wird er bleiben? Schließlich hat er anderswo weitere Kinder gezeugt – eine der beiden Familien wird auf jeden Fall vaterlos bleiben. Und Abel muss zurück ins Krankenhaus – im richtigen Leben kann ihm keiner helfen.

Länderübergreifende Gemeinsamkeiten

Wo ein Film aufhört, beginnt bei den Tagen des Unabhängigen Films immer bereits der nächste. Das ist manchmal anstrengend, aber auch immer sehr reizvoll. Denn es erlaubt Vergleiche über die Grenzen von Genres, Ländern und Erdteilen hinweg. Mahmat-Saleh Haroun, der Regisseur von „Un homme qui crie“ hatte uns erst am Abend zuvor ausführlich auseinandergesetzt, dass es auch in seinem Film über einen Vater-Sohn-Konflikt mitten im Bürgerkrieg des Tschad um die Verantwortung der Väter gehe. Afrika, so seine Definition, sei geradezu „der Kontinent des Ungesagten“, ein Land, wo die Väter mit ihren Söhnen über das Wesentliche nicht sprechen und so die Tradition von Sprachlosigkeit und Gewalt immer wieder der nächsten Generation aufbürden. Leider konnte Diego Luna, der Regisseur von „Abel“, nicht nach Augsburg kommen. Man hätte die beiden gerne einander vorgestellt und erfahren, was sie sich über das Versagen der Väter sagen gehabt hätten.

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Road-Movie in die Geschichte

„Wintertochter“ – ein bewegender Film über eine Vatersuche in Polen.

Von Frank Heindl

In eisige Farben hat Regisseur Johannes Schmid seinen Film gehüllt. Oft ist es dunkel, selten kommt die Sonne durch, immer sind die Temperaturen frostig, grau herrscht vor. Und doch bleibt eine überraschende Wärme in Erinnerung – denn wie sich's für einen Kinderfilm gehört, gibt es ein Happy End. Dem geht ein bewegendes Road Movie voran, entlang an der eisbedeckten Ostsee und durch die Winterstürme im polnischen Masuren – tief hinein in die deutsche Vergangenheit

Ausgerechnet am Weihnachtsabend erfährt die elfjährige Kattaka, dass der Mann, zu dem sie immer Papa gesagt hat, gar nicht ihr leiblicher Vater ist. Alexei war es, ein Russe aus Wladiwostok, der ihre Mutter nach einer kurzen Affäre alleine und mit Kind zurückließ. Kattaka entschließt sich, ihren richtigen Vater kennenzulernen – und weil Mama gerade wieder hochschwanger ist, schicken die Eltern sie mit der Nachbarin Lene auf die Fahrt nach Danzig. Gut für die schwermütige Reise ist es, dass sich Knäcke, der freche Nachbarsjunge, heimlich ins Auto schmuggelt. Bei einer Polizeikontrolle kommt das raus – und auch das ist gut, denn Knäcke musste ohnehin gerade mal dringend raus. Knäcke, immer neugierig, immer kontaktfreudig, und ein hervorragendes Drehbuch sorgen dafür, dass die Fahrt zwischendurch eine fröhliche Leichtigkeit bekommt, die dem Film sehr gut tut: „Blinken, Kattaka!“, ruft Lene, und dann weiß das Mädchen, dass es mit der Hand aus dem Fenster winken muss – bei der alten Karre funktioniert so manches nicht, wie es sollte.

„Irgendwann war fast alles mal was anderes“

In Stettin verpasst das Trio das Schiff, mit dem Alexei unterwegs ist – die Reise geht weiter nach Danzig, seinem nächsten Hafen, nun in Begleitung des polnischen Teenagers Waldek. Doch auch für Nachbarin Lene wird die Fahrt nun anstrengend – sie führt in ihre eigene und die deutsche Vergangenheit, hat mit Flucht vor den Russen, dem Tod der Eltern, mit dem letzten Krieg zu tun. „Manches Polnische und manches Russische war mal deutsch, und manches Russische war mal polnisch. Irgendwann war fast alles mal was anderes“ – so erklärt Lene das. Und als das Auto im masurischen Winter steckenbleibt und eine polnische Bauernfamilie hilft, wird auch die Rolle der Deutschen in diesem Krieg geklärt – der Bäuerin haben sie in deutscher Zwangsarbeit die Hände verstümmelt.

Es sind vielleicht ein bisschen viele Geschichten auf einmal, die hier zusammenkommen, doch sie alle bilden den Hintergrund für Kattakas Suche nach dem Vater und ihre Flucht vor den Eltern, von denen sie sich belogen und verraten fühlt. Als Lene, großartig dargestellt von Ursula Werner, in einer Astgabel weit im Osten eine Schachtel mit ihren Kindheitserinnerungen wiederfindet, wird aber auch Kattaka klar, wie wichtig es ist, Eltern zu haben: Lene hat ihre Mutter bei der Flucht ins Reich verloren und nie mehr wiedergefunden, der Vater starb als Soldat im Krieg.

Eine schwierige Geschichte also, doch Regisseur Johannes Schmid gelingt es bis zum Schluss, die Balance zu halten, die zweifache Suche nach dem unbekannten Vater und der verlorenen Kindheit nicht ins Melodram abzustürzen zu lassen und doch den notwendigen Ernst zu bewahren, den auch Kinder bei einem solchen Thema brauchen – und vertragen können. In der Silvesternacht gibt es ein großes Treffen auf Alexeis Schiff: Kattakas Eltern sind ihr nachgereist, Alexei, inzwischen im fernen Wladiwostok Vater zweier Söhne, schließt seine Tochter in die Arme, von deren Existenz er nichts wusste. Und auf dem Schiff kommt Kattakas Brüderchen zu Welt. „Drei Brüder in drei Tagen“ – die anstrengende Reise hat sich für Kattaka gelohnt. Für die Zuschauer auch!

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„Kattaka ist ein Mutterkind, Nina ein Vaterkind“

Ein kurzes Gespräch mit Hauptdarstellern und Regisseur von „Wintertochter“

Von Frank Heindl


„Wintertochter“ ist ein anspruchsvoller Kinderfilm, der auch von der überzeugenden Leistung seiner Kinder-Schauspieler lebt. Wie Kattaka (Nina Monka) mit traurigen Augen die polnische Winterlandschaft in sich aufnimmt, wie der quirlige Knäcke auf ein Containerschiff stürmt („total geil!“), wie der bedächtige Waldek die Deutschen durch Masuren führt – das bleibt im Gedächtnis. Frank Heindl sprach mit den drei Hauptdarstellern Nina Monka (Kattaka), Leon Seidel (Knäcke) und Dominik Nowak (Waldek). Anschließend traf er Regisseur Johannes Schmid. Ursula Werner, Darstellerin der Lene, konnte übrigens entgegen der Ankündigung nicht zum Augsburger Kinderfilmfestival kommen. Das fanden auch die Kinder sehr schade.

? Nina, mir ist aufgefallen, dass dein Filmvater seine Tochter Kattaka nie in den Arm nimmt, nachdem sie erfahren hat, dass er gar nicht ihr „richtiger“ Vater ist. Fandst du das nicht auch seltsam?

Nina:
Nein. Der Vater ist ja selbst in einer schwierigen Situation und vielleicht auch unsicher, wie er sich verhalten soll. Und Kattaka ist auch mehr ein Mutter-Kind.

? Und was bist du, Nina?

Nina:
Nina ist eindeutig ein Vater-Kind!

? In was für Filme geht ihr denn, wenn ihr nicht gerade selbst einen macht?

Dominik:
Ich bin überhaupt kein Kinogänger. Seit „Atavar“ war ich nicht mehr im Kino – den habe ich aber gleich dreimal angesehen.

? Habt ihr euch denn schon vor dem Film gekannt?

Dominik:
Nein, ich komme aus Oberbayern, Nina lebt in Berlin und Leon in Köln.

Leon:
Das erste Zusammentreffen war lustig. Wir haben uns überhaupt nicht gekannt. Aber Johannes, der Regisseur hat uns in ein Zimmer gesetzt und uns allein gelassen. Er hat gesagt, er kommt in zehn Minuten wieder, und dann müssen wir füreinander Waldek und Kattaka und Knäcke sein. Das hat er aber nicht so ernst gemeint. „Wir standen bis zu den Knien in der Scheiße“

? Waren die Dreharbeiten anstrengend?

Nina:
Es ging. Im Wohnwagen war's immer warm …

Dominik:
Wir hatten auch Wärmewäsche an und es gab immer gutes, warmes Essen.

? Was war denn für euch am schwierigsten bei diesem Film?

Dominik:
Das war, als wir die Szene auf dem polnischen Bauernhof gedreht haben. Man sieht ja im Film, dass da viel Schnee lag. Aber was unter dem Schnee war, das sieht man nicht. Wir haben da echt knietief in der Scheiße gestanden.

Leon:
Und weil wir trockene Sachen gebraucht haben, haben die dann im Haus unsere Klamotten mit dem Föhn getrocknet – das hat derartig gestunken!

? Ich habe eigentlich mehr die schauspielerischen Schwierigkeiten gemeint ….

Nina:
Die Szenen, wo ich so wütend bin, die waren schwer. Ich bin eigentlich nicht so, dass ich
rumbrülle oder den Telefonhörer hinknalle.

? Herr Schmid, einverstanden mit der Behauptung, dass für den Regisseur eines Kinderfilms das Kriterium der Wahrscheinlichkeit eine kleinere Rolle spielt als im Erwachsenenfilm?

Schmid:
Ich überlege mir nicht, was kann man in einem Kinderfilm machen und was nur in einem Film für Erwachsene. Natürlich ist im Kinderfilm die positive Weltsicht wichtig, eine „humanistische Vision“, das Mutmachen, sich in schwierigen Situationen nicht unterkriegen lassen. Das kann man alles im Kinderfilm sehr gut machen, und in der Hinsicht ist „Wintertochter“ wohl schon ein typischer Kinderfilm.

? Ich habe speziell die Bauerhofszene gemeint. Die Kinder und Lene Graumann sind auf einer Fahrt in den Osten und in die Kriegsvergangenheit – und landen ausgerechnet bei einer Bäuerin, die von den Deutschen gequält worden ist, die ihre Finger in der Zwangsarbeit verloren hat.

Schmid:
Die Bauerhofszene ist aber unbedingt erforderlich, weil sie zeigt, dass nicht nur Deutsche und Polen von den Russen vertrieben worden sind, sondern was die Deutschen selbst da gemacht haben. Kino darf das, auch wenn sowas im richtigen Leben vielleicht nicht so zufällig vorkommt.

? Lene hat das ja vorher den Kindern toll erklärt: „Manches Polnische und manches Russische war mal deutsch, und manches Russische war mal polnisch. Irgendwann war fast alles mal was anderes.“

Schmid: Ja, aber das erklärt noch nicht den Schrecken des Krieges und dass die Deutschen als Täter dabei waren. Deshalb waren die polnischen Bauern wichtig für den Film, auch wenn die Szene, das gebe ich schon zu, gewissermaßen ein Einschub ist.

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Länge: 36 Bilder. Drehzeit: 12 Sekunden

Volker Gerlings Daumenkino-„Filme“: eine poetische Sensation

Von Frank Heindl

Viele Filme, meistens nur eine Person zeigend, bestehend aus 36 Bildern, hergestellt in jeweils zwölf Sekunden – das sind Volker Gerlings Daumenkinos. Es sind künstlerische Preziosen voller Poesie, voller Leben, voller Aussagekraft – minimale Mittel, maximale Wirkung. Am Sonntagabend stellte der Fotograf, Kameramann und Berufswanderer seine schwer zu beschreibenden Werke vor. Daumenkino: jeder kennt das: Man bindet einen kleinen Stapel (meist gezeichneter) Bilder zu einem kleinen Büchlein – und wenn man dann die Seiten schnell unterm Daumen abblättern lässt, entsteht die Illusion von Bewegung, entsteht ein kleiner Film. Vor 20 Jahren begannen Gerlings zaghafte Versuche, Daumenkinos mit dem Fotoapparat herzustellen – heute lebt er von dieser Kunst. Von den Fotografien und von den Geschichten, die er dazu erzählt – beides gehört untrennbar zusammen.

Denn Gerling hat irgendwann begonnen, mit seiner eigenen Daumenkinoausstellung durch die Welt zu wandern. Im Sommer schnallt er sich einen Rucksack mit Zelt und Kochausrüstung auf den Rücken und ein Küchentablett vor den Bauch. Mit diesem Bauchladen wandert er quer durch Deutschland, mit Abstechern beispielsweise in die Schweiz, nennt sich selbst ein wanderndes Museum und verlangt für dessen Besichtigung keinen Eintritt. Wem seine Daumenkinos gefallen, der darf anschließend Geld in seine Sammelbox werfen oder ein Daumenkino kaufen. Große Kunst für 20 Euro.

Einmal pro Woche lohnt sich der Griff zur Kamer

Wenige Menschen fotografiert Gerling aus seinen Reisen. Etwa einmal die Woche, so erzählt er, begegne ihm ein Mensch, dessen Geschichte ihn interessiere und der Lust habe, sich fotografieren zu lassen. Dann legt Gerling einen Schwarzweißfilm in seine analoge Nikon ein, justiert die Belichtung so, dass im Dauerbetrieb etwa 3 Fotos pro Sekunde entstehen, und hält den Finger auf dem Auslöser gedrückt, bis der Film durch ist. 12 Sekunden dauert die Prozedur, und die Fotos, die in dieser knappen Viertelminute entstehen, lassen etwas aufleuchten, was man in schnellen Filmen nur sehr selten zu sehen bekommt. Bei seinen Veranstaltungen präsentiert Gerling die Daumenkinos vor einem Projektor, der sie formatfüllend auf die Leinwand überträgt.

Das Wunder beginnt schon, bevor das Daumenkino läuft: Sobald Gerling das erste Foto auch nur berührt, beginnt es zu leben. Die geringste Bewegung vermittelt dem Zuschauer das Gefühl, einen Film zu sehen. Wenn der Künstler dann sein Daumenkino in Bewegung setzt, ist man jedes Mal aufs Neue überrascht, wie viel Poesie, wie viel Beobachtung, wie viel Seele in 36 Bildern Platz finden. Die Serie „Alter Mann mit Krawatte“ etwa. Gerling erzählt, er habe den Iraner kennengelernt, als der versuchte, sich von einem im Irak erlebten Bombenanschlag zu erholen, unter dessen Schock er immer noch stand. Er hatte dort den Einheimischen ein selbst konstruiertes Gerät zur Stromgewinnung mittels Sonnenenergie installiert. In die Kamera blickt ein kluger, aber verstörter Mann. Doch als die Kamera nicht aufhört zu fotografieren, als die laute alte Nikon ein Klicken nach dem anderen hören lässt, da taucht, wie von einem Windhauch bewegt, ein stilles, verträumtes Lächeln auf in diesem Gesicht, und noch einen kurzen Windhauch später hat es sich schon wieder unter schüchtern niedergeschlagenen Augen versteckt. Zwölf Sekunden, 36 Fotos – und der Zuschauer glaubt, in die Seele dieses Mannes geblickt zu haben. Gerling berichtet, der Iraner sei drei Monate nach den Aufnamen gestorben.

Gedrosseltes Tempo, poetische Ruhe

Das überraschte Lächeln in der Mitte der Fotoreihe haben viele der Daumenkinos gemeinsam. Und es ist jeweils dieses Lächeln, das so viel über die Fotografierten verrät. Mal schlägt es um in fröhliches Lachen, mal in verblüfftes Erstaunen, mal nutzt eine junge Frau die Zeit, um sich ihr T-Shirt über den Kopf zu ziehen und barbusig zu posieren. Die einzigen, die stillhalten, sind Kinder: Die Gabe, vorurteilsfrei und gedankenlos einfach abzuwarten, was geschieht, geht offensichtlich mit zunehmendem Alter verloren. Schade, dass Gerling nur einen Abend in Augsburg weilte –am Montag hatte er schon seine nächste Vorstellung in Hamburg. Man hätte ihn gerne weiterempfohlen, man hätte gerne den sicher einzigartigsten Abend des Augsburger Filmfestes mit noch viel mehr Menschen und Freunden geteilt, und man hätte auch gerne selbst die Chance ein zweites Mal genutzt, inmitten all der schnellen Bilder (nicht nur des Filmfestes) das Tempo zu drosseln und diese poetischen Sekunden-Miniaturen in ihrer sensationellen Tiefe auf sich wirken lassen.

Volker Gerlings Daumenkinos kann man ausschnittsweise im Internet ansehen und dort auch bestellen: http://www.daumenkinographie.de

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„Ich suche die Geschichten nicht, die suchen mich“

Fotokünstler und „Daumenkinograph“ Volker Gerling im Gespräch.

Von Frank Heindl

Filmfestregisseure treffen alle früher oder später im Thalia-Café ein – dem zentralen Ort der Augsburger Filmtage. Auf Volker Gerling, der sich selbst „Daumenkinograph“ nennt (siehe obenstehender Artikel) musste man am Samstag ein bisschen länger warten. Er baute erst mal höchstpersönlich seine Projektionsanlage im Mephisto ab, transportierte alles eigenhändig ins Hotel – kam aber schließlich doch noch in die Filmkneipe. Frank Heindl stellte dem 42jührigen Künstler Fragen zur vorangegangenen Vorstellung.

? Herr Gerling, habe ich das richtig verstanden: Sie fotografieren immer noch analog?

Gerling: Ja, und aus mehreren Gründen. Ich bin gerne in der Dunkelkammer und ziehe die Fotos selber ab. Dass die Bilder hundert 100 Jahre halten, ist auch ein gutes Gefühl. Und außerdem will ich unbedingt vermeiden, dass ich mit den portraitierten Menschen über die Fotos diskutieren muss, wenn die sich das Ergebnis gleich anschauen können.

? Bei einer Serie, einem sich küssenden Paar, hatte ich den Verdacht, dass Sie möglicherweise manchmal dramaturgisch eingreifen. Es ist schön, dass die Serie genau aufhört, als die beiden Münder sich gefunden haben. Aber was, wenn sie auf dem letzten Bild schon wieder getrennt gewesen wären?

Gerling: Sie haben gut aufgepasst. In der Tat ist das eines der ganz wenigen Beispiele, wo ich Bilder weggelassen habe, um die Wirkung zu erhöhen. Ich halte mich nicht stur an das 36-Fotos-Schema, aber es funktioniert fast immer ohne irgendeinen Eingriff, und das ist mir dann auch lieber. Die ursprüngliche Idee, zwölf Sekunden lang drei Fotos pro Sekunde zu machen, hat sich schnell als optimal herausgestellt. Ein bisschen flexibel ist das ohnehin, weil ich das bei meiner Kamera nicht exakt bestimmen kann – ich kann die Geschwindigkeit nicht per Zeitschaltung, sondern nur über die Belichtungsdauer regulieren.

„Meine Vorführung braucht den intimen Rahmen“

? Sie sind heute im Rahmen eines Filmfestivals aufgetreten, Erwin Schletterer, der Chef der Kurzfilmtage, hat Ihren Auftritt als „Preopening“ des Kurzfilmwochenendes vorgestellt. Fühlen Sie sich mit Ihrer Kunst hier richtig verortet?

Gerling: Ich war heute erst zum zweiten Mal überhaupt bei einem Filmfestival, das andere war das Festival „almost cinema“ in Gent in Belgien. Viel öfter trete ich im Rahmen von Theaterfestivals auf. Ich weiß aber gar nicht so recht, wo ich mich selbst positionieren würde. Das, was ich mache, kann man wohl in beide Genres nicht so richtig einordnen.“

? Ins Mephistokino hätten ein paar mehr Zuschauer gepasst. Die Veranstalter sprechen von etwa 120 Besuchern. Sind Sie damit zufrieden?

Gerling: Normalerweise zeige ich die Daumenkinos an Orten mit höchstens 100 Plätzen – das Kino hier war ideal. In größeren Sälen möchte ich das nicht machen, die Vorführung braucht auf jeden Fall den intimen Rahmen.“

? Sie wandern im Sommer wochenlang mit ihren Daumenkinos und der Kamera durchs Land. Mich hat es sehr überrascht, dass sie dabei so wenige Fotos machen. Sie haben erzählt, dass sie im Schnitt nur einmal pro Woche jemanden für ein Daumenkino portraitieren. Warum?

Gerling: Ich suche die Leute und die Geschichten nicht, sondern die suchen mich. Ich renne nicht rum und sage, ich muss finden, finden, finden! – sondern ich lasse die Dinge geschehen. Wenn jemand etwas zu erzählen hat, dann merke ich das einfach daran, dass derjenige kommt und erzählen will.

? Das hört sich schön an. Aber wovon leben Sie eigentlich?

Gerling: Ich bin in der wirklich beneidenswerten Situation, dass ich von den Daumenkinos leben kann. Ich habe zwei Kinder, meine Frau arbeitet auch, und wir kommen klar.

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„Komplett no budget“

Kurzfilme von Nachwuchsregisseuren aus der Region: die Reihe „Local Heroes“

Von Frank Heindl

„Komplett no budget“ Kurzfilme von Nachwuchsregisseuren aus der Region: die Reihe „Local Heroes“ Von Frank Heindl „Once upon a coffee“ ist für einen Wettbewerb der Berlinale entstanden. Nachdem das Thema be-kannt gegeben worden war, hatten die Teams 99 Stunden Zeit, einen 99-sekündigen Film zu planen, zu inszenieren, zu drehen, zu schneiden und zu vertonen. Das Besondere an diesem Film: Das Team stammt aus der Region Augsburg und durfte sein Werk deshalb im Rahmen des „Local Heroes“-Wettbewerbs der Augsburger Kurzfilmtage zeigen. „Once upon a coffee“ hatte auf der Berlinale den Preis für die beste Kamera mitgenommen, ebenso den zweiten Platz in der Gesamtwertung. In Augs-burg präsentierte das Team einen „director’s cut“ des Kurzfilms – die Länge nahm dabei von 99 auf 115 Sekunden zu.

Qualitativ gab's natürlich deutliche Unterschiede zwischen den gezeigten Werken. Auch wenn Mode-rator Michael Kalb betont, die Filme hätten durch die Bank „semiprofessionelle Qualität“ – mit Fil-men, wie sie am kommenden Wochenende auf dem Kurzfilmfest laufen werden, sind sie nur bedingt vergleichbar, der Unterschied zwischen semi- und ganz professionell ist dann teilweise doch noch deutlich.

Was den Nachwuchsversuchen aber nicht eine erhebliche Qualität absprechen soll: „Zivilcourage“ etwa, der knapp 20minütige Spielfilm, den Kalb selbst gedreht hat, geht von einem durchdachten Drehbuch aus, ist gut in Szene gesetzt und geschnitten und vermeidet eine allzu platte Botschaft – die schauspielerischen Leistungen allerdings lassen noch zu wünschen übrig. Es mache Spaß, in der Provinz zu drehen, sagt Kalb. Sein Film entstand in Dinkelscherben, „und da ist es nicht mal ein Pro-blem, ein altes Auto auf der Straße anzuzünden und dafür eine Drehgenehmigung zu bekommen.“ Das hätte seiner Erfahrung nach in Augsburg ganz anders ausgesehen. Kalb war nach der Vorführung in einem bunten Haufen quirlig-aufgedrehter Nachwuchsregisseure zu sprechen, die im Mephisto-Keller ihre Premieren feierten – hier traf man Freunde, Fans und Unterstützer und hoffte natürlich auf ein gewisses Echo in den Medien und der Branche.

Die Teilnehmer am Wettbewerb sind vor allem Studenten aus dem Medienbereich. Besondere Kom-petenzen sieht Kalb bei der Hochschule Augsburg im Bereich des Animationsfilms. Tatsächlich stam-men alle gezeigten Animationsfilme von Studenten der FH, zum Beispiel Michael Bauers „Saturn“. Katharina Weser, die ihren Film „Die Armbanduhr“ vorstellte, studiert Journalismus in Eichstätt, hat während eines Auslandsjahr in Frankreich zu filmen begonnen und dort auch an Dokumentarfilmen mitgearbeitet. Ihr Streifen sei „komplett no budget“, betont sie, das Equipment kam kostenlos von der Uni, sie habe „praktisch alles selber gemacht“, sogar der Augsburger Schauspieler Dieter Goertz arbeitete ohne Gage.

Den ersten Preis beim Augsburger Wettbewerb erhielt „Once upon a coffee“, der durch seine hoch-professionelle Machart und die extrem verdichtete Erzählweise beeindruckte. Platz zwei ging an „Zi-vilcourage“, Dritter wurde das animierte Musikvideo zum Song „I love you tonight“ der Band „Bark Bark Disco“ aus Malta, den Lisa Frühbeis an der Augsburger FH für als Bachelorarbeit im Bereich in Kommunikationsdesign gemacht hat. Sie wir alle der Nachwuchsregisseure hofft nun natürlich auf weiter Möglichkeiten, ihre Arbeite zu zeigen. Michael Kalb hofft beispielsweise auf die Kurzfilmnacht des Bayerischen Rundfunks: „Das wäre doch toll, wenn die was von uns zeigen würden!“

Einige Filme des Wettbewerbs im Internet:

Bark Bark Disco: http://www.youtube.com/watch?v=rr5ncLpoYcI
Das Kino ist leer: http://www.sumosam.de/htm/NeuestesProjekt/Kino.htm
Die Armbanduhr: http://www.sumosam.de/htm/NeuestesProjekt/Armbanduhr.htm
Ein Heulen aus allen Zellen: http://www.buehling.org/index.php?book=design&docID=project_zellen
Once upon a coffee: http://www.myvideo.de/watch/7989113/ONCE_UPON_A_COFFEE_99FIRE_FILMS
The return of John Frum:
http://www.directorsnotes.com/2010/06/03/dn167-the-return-of-john-frum-christian-schlaeffer/
Saturn: http://vimeo.com/11420705
Zivilcourage: http://www.sumosam.de/htm/NeuestesProjekt/Zivilcourage.htm

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Kinder machen, aber hoppla! „Nasvatbov:
ein Bürgermeister fürchtet die Babylücke

Von Frank Heindl

Wie niedlich der Übergang aussehen kann vom Sozialismus zum Kapitalismus einerseits, von der rabiaten staatlichen Indoktrination zur gemütlich daherkommenden, aber schwer erträglichen „gutbürgerlichen“ Bevormundung – das hat die tschechische Regisseurin Erika Hniková in dem slowakischen Ort Zemplinské Hamre studiert. Und zeigte es in ihrer trotzdem ganz gemütlichen Dokumentation „Nesvatbov – The matchmaking Mayor“ dem Filmfestpublikum in der Reihe „Lust auf Wirklichkeit“.

Der Bürgermeister als Heiratsvermittler, wie der Titel ankündigt: das wäre er gern. Nur klappt es nicht. Und man muss irgendwie doch froh sein, dass es nicht klappt, denn die Argumente und Methoden, die der Ortsvorsteher heranzieht, sind derart von vorgestern, dass es zum Grausen ist – aber glücklicherweise auch zum Lachen. Hniková zeigt ein slowakisches Dorf in idyllischer Landschaft, doch schon mit der ersten Szene auch einen Bürgermeister, der mit rüden Worten einen Betrunkenen vom Dorfplatz jagt; der auf dem Weg durchs Dorf penibel jeden Unrat aufhebt; und der sich schwere Sorgen um die Zukunft macht. Der ganze Ort ist mit Lautsprechern ausgestattet – und über sie ist der Schulze mit seinen Untertanen verbunden. Täglich hält er, angekündigt durch peppige Glenn-Miller-Musik, eine kleine Ansprache ans Volk, und meistens geht es dabei sehr unverblümt immer nur um das Eine: Leute, so der Aufruf, heiratet bitteschön, und dann ab ins Bett und Kinder gezeugt. Die große Angst des Bürgermeisters: sonst sterben wir aus. Doch bei Aufrufen bleibt es nicht. Weil das mit dem Datenschutz in der Slowakei offensichtlich nicht sehr ernst genommen wird, darf das Filmteam und dürfen wir Zuschauer mit wachsender Begeisterung wie Befremdung dabei sein, wie sich der Bürgermeister von seiner Sekretärin eine Liste der unverheirateten Bürgern vorlegen lässt. Die wird penibel durchgegangen, untaugliche Kandidaten werden ausgesiebt – und dann werden Einladungen zur großen Verkupplungsparty verteilt. Und zwar persönlich: Die Sekretärin geht von Haus zu Haus, die Kamera ist dabei. Nun ist es ja nicht so, dass es im Dorf keinen Bedarf an Gelegenheiten gäbe, sich kennenzulernen. Allein, die Absicht muss verstimmen! Schließlich belässt des die bürgermeisterliche Fürsorge auch nicht bei der Veranstaltung im Dorfsaal mit Musik, Alkohol und Salzgebäck an den Tischen. Die wenigen, die tatsächlich kommen, erhalten aus dem Mund der Sekretärin auch noch einen kleinen Vortrag über die Aufgaben und Pflichten der Frau – und die definieren sich hier natürlich aus dem patriarchalischen Verständnis von Ehe und Familie.

Also: hübsch und brav sein, sich vermehren, Haus und Hof zusammenhalten. Und die globale Verantwortung nicht aus den Augen verlieren: Schließlich droht nicht nur Zemplinské Hamre auszusterben, sondern die ganze Welt. Der Bürgermeister hat sich vorher übrigens diskret zurückgezogen, auch die Sekretärin kann nicht sagen, wo er geblieben ist. „Der spinnt doch“, sagen denn auch ein paar Dorfbewohner unverblümt in die Kamera. Aber gewählt worden ist er ja immerhin. Und dass seine Anliegen völlig von der Hand zu weisen sind, kann niemand behaupten: Die Probleme der Slowakei im Angesicht der Alterspyramide scheinen sich nicht groß von denen hierzulande zu unterscheiden, auch im Osten klafft die Babylücke. Aber Lautsprecher für die Botschaften des Bürgermeisters, unverblümte staatliche Fortpflanzungspolitik – sind das nun Relikte sozialistischer Beeinflussung oder Vorboten ultrakonservativer, gar faschistoider Bevormundung? Frauenbild wie Familienpolitik des Bürgermeisters jedenfalls stammen aus vergangen geglaubten Zeiten.

Ist das noch niedlich oder schon bedrohlich? Der Film lässt die Frage unbeantwortet. Nach der Verkupplungsfete jedenfalls herrscht Katerstimmung: Der Bürgermeister muss einen glatten Misserfolg verbuchen. Der Dorfbewohner dagegen, der vor der Kamera zwei Flaschen Metaxa für seine Zukünftige ausgelobt hatte, ist mit aufs Filmfest gekommen – und schläft nach der Präsentation erschöpft am Tresen des Thaliacafés ein. Alkohol ist auch eine Lösung.

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„Im Kino ist alles möglich“
… und im Kinderfilm „Der Himmel hat vier Ecken“ auch!

Von Frank Heindl

Der Berliner Hinterhof in Klaus Wirbitzkys Kinderfilm „Der Himmel hat vier Ecken“ ist nicht unbedingt ein Ort zum Wohlfühlen – hier kommt so einiges zusammen, was das Leben nicht nur für Jugendliche ziemlich ungemütlich macht. Aber im Kino ist alles möglich – und so führt der eher unwahrscheinliche Plot auf eher vergnügliche Weise zu einem eher unwahrscheinlichen Ende. Joschis Eltern haben sich getrennt. Dort, wo er nun mit seinem Vater einzieht, gibt es beispielsweise einen Kasachen, der im Wodkarausch Spatzen vom Dach schießt; eine Mieterin, die vor ihrem Fenster meistens Unterwäsche aufhängt und gern auch mal ein Höschen nach unten fallen lässt; eine junge Sängerin, die ihre sympathischen Seiten hat, aber trotzdem nicht ganz richtig tickt; diese Ausgeburt von Hausmeister – eine Mischung aus Nazi-Blockwart, übergriffigem Schleimbeutel und geldgierigem Angeber; und schließlich auch noch den Hinterausgang eines Kinos, in dem vor allem Horror- und Vampirfilme laufen. „Im Kino ist alles möglich“, sagt die Platzanweiserin – und holt Joschi immer mal wieder in diese warme, dunkle Höhle, wo sich Traum und Realität ebenso vermischen wie die Flucht in Fantasie und Alkohol.

Niko, der Sohn des schießwütigen Kasachen, ist ein heftiger Machotyp. Das gehört nicht nur zu Familientradition und -ehre, die bei ihm und seinen Leute hoch im Kurs stehen, sondern auch zur Tradition der ins Prekariat abgedrängten Migranten. Deshalb ist Nikos Schwester Boxerin – auch dies nicht nur ein familieninterner Lösungsversuch, sondern in Literatur und Film ein Topos für Energie und Aufstiegswillen der Unterprivilegierten, ein Symbol für deren Kampf um Integration und materiellen Erfolg. Wie gesagt: In diesem Film kommt viel zusammen. Und noch mehr: Denn natürlich versuchen ein zwielichtiger Trainer, ein paar eklige Mafiosi und der miese Hausmeister, bei einem wichtigen Kampf der Schwester zu tricksen und einen saftigen, hochrentablen Wettbetrug hinzulegen.

Der Hausmeister kriegt was auf die Fresse

Gut, dass Joschi und Niko sich mittlerweile angefreundet haben. Bei Niko funktioniert sowas nur über eine blutige Prügelei, und dass Joschi da mitmacht, ist wieder eine der wenig wahrscheinlichen Wendungen dieser Geschichte. Gemeinsam besiegen sie die Kriminellen, und als dieser Sieg feststeht, ist die Freundschaft nicht mal mehr dadurch aus dem Lot zu bringen, dass Nicos Freundin Jessica sich mittlerweile in Joschi verliebt hat. Ganz nebenbei hat sich Joschis Vater noch vom Werbungsausträger zum Zeitungsredakteur aufgerappelt, hat Joschi sich endgültig von seiner Karrieremutter abgenabelt – und der Hausmeister kriegt am Ende auch noch heftig was auf die Fresse.

„Im Kino ist alles möglich“, hatte die Platzanweiserin philosophisch verkündet, und das ist gut so. Denn Wirbitzky gelingt mit seiner aberwitzigen Geschichte ein zwar geradezu satirisch überspitzter, aber doch irgendwie realistischer Blick in die hochkomplizierte Teenager-Welt. Die werden demnächst erwachsen sein und müssen vorher schnell noch lernen, wie man in dieser Welt klarkommt, wo die Vorstellungen der Alten nicht mehr so recht passen und die eigenen Lösungsideen noch nicht so ganz ausgereift sind; wo die Eltern an den Rand treten und eigene Wege wichtig werden; wo Freundschaft und die erste Liebe wichtiger werden als Machogehampel; wo trotzdem noch und mitten im Chaos Platz bleiben soll für Mozart (Joschi sing im Chor) und Ballett (Jessica liebt den klassischen Tanz); und wo man aus den vier Ecken, die enge Häuser und ebenso enge Vorstellungen von Leben übergelassen, dann doch den Blick in den Himmel schweifen lassen kann. Kino kann alles. Es kann auch die Probleme, Chancen, Hoffnungen und Enttäuschungen einer ganzen Jugend in 90 Minuten abhandeln. Dazu ist es schließlich da!

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„Ich find's nicht schwer, 'nen Macker zu spielen“

Zwei der Hauptdarsteller von „Der Himmel hat vier Ecken“ im Gespräch.

Von Frank Heindl


„Der Himmel hat vier Ecken“ lebt auch von einer ganze Menge beeindruckend präsenter Schauspieler. Lukas Mrowietz (16) spielt den Russland-Deutschen Niko, Sophie Charlotte Schirmer (17) ist Jessica, die zunächst Nikos Freundin ist, sich aber gleich in den Neuankömmling Joschi verliebt. Der Film wurde in Augsburg als Vorpremiere vor einer Schulklasse gezeigt, am Sonntag dann war Welturaufführung im Thalia. Zwischen den beiden Terminen sprach Frank Heindl mit den Nachwuchsschauspielern.

? Im Film sind sie ein Paar, mit dem es gerade auseinander geht. Kennen Sie sich in Wirklichkeit auch schon länger?

Lukas Morwietz: Nein, wir haben uns erst beim Casting kennengelernt. Das war vor einem Jahr. Dann waren wir 21 Drehtage lang zusammen. Die Team-Premiere war im November – aber hier ist ja jetzt Welturaufführung. Bei der Vorpremiere mit der Kinderjury lief’s gut – denen hat der Film sehr gut gefallen, wir hatten ein ganzlanges Publikumsgespräch und gar nicht alle Fragen beantworten.

? Im Film treten Sie ja anfangs als ziemlicher Angeber auf – ehrlich gesagt fand ich Sie da nicht so sympathisch wie jetzt. Ist das schwer, sich vor der Kamera so zu verstellen? Wo haben Sie das her, diese Halbstarken-Körperhaltung zum Beispiel?

Mrowietz: Ich find's nicht so schwer, 'nen Macker zu spielen, auch wenn das schon sehr anders ist, als ich sonst bin. Und das Machogehabe kann man sich doch leicht abschauen – das sieht man doch auf der Straße überall.

? Und Sie, Frau Schirmer – wie weicht bei Ihnen die Rolle von der Wirklichkeit ab?

Schirmer: Schüchtern bin ich selber nicht so, es war aber nicht so schwer, die Zurückhaltende zu verkörpern. Vor allem aber tanze ich in Wirklichkeit nicht Ballett – das habe ich extra für den Film gelernt. Das war dann auch richtig schwer, als die am Set dann sagten, „Los jetzt, tanz mal!“ dann auch anzufangen, sich zu trauen.

? Die Jessica im Film erzählt nicht jedem, dass sie gerne Ballet tanzt, weil das irgendwie nicht anerkannt ist. Aber Ihre Mitschülerinnen wissen wohl jetzt alle, dass sie im Film auch tanzen …

Schirmer: Es wissen nicht mal alle in der Schule, dass ich Schauspielerin bin. In meiner Klasse natürlich schon. Ich bin aber immer noch ein ganz normales Mädchen, das halt gern vor der Kamera steht.

? Ähnlich, wie Jessica im Film ihr Balletthobby verheimlicht, hängt ja auch Joschi, der leider nicht hier ist, nicht so an die große Glocke, dass er in einem Chor singt und gerade Mozart probt. Ist es denn in der Schule wirklich peinlich, wenn man gerne singt?

Mrowietz: Ich hab selbst mal im Chor gesungen, das fanden meine Mitschüler damals eher cool – Sänger werden ja eher bewundert. Wenn ich jetzt anfangen würde, Ballett zu tanzen, dann wäre das vielleicht eher ein Problem.

? Der Hinterhof, in dem sich ein großer Teil des Films abspielt, ist ja extrem merkwürdig und stark übertrieben. Kennt ihr solche verrückten Situationen überhaupt aus eurem eigenen Leben?

Mrowietz: Sophie lebt ja in einer Kleinstadt in Norddeutschland, aber bei uns in Kiel trifft man schon immer wieder mal paar schwierige Typen. Aber so vergleichbar ist das wohl nicht …

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Kinderkino auf der Höhe der Zeit

Von  Dominik  Sandler

Schutz der Privatsphäre und die Gefahren der omnipräsenten Videoüberwachung – kann man darüber einen Kinderfilm drehen? Kann man das, ohne auf Jugendliche altbacken zu wirken wie der Lehrer, der seinen Schülern im Informatikunterricht die Bedienung der Maus erklärt, während diese bei Facebook die neuesten Erlebnisse austauschen und sich nebenbei gegenseitig ihre selbstprogrammierten Computerspiele vorführen? Ja, man kann.

Das ist die große Leistung des dänischen Regisseurs Christian E. Christiansen mit seinem Film „Zoomer“. Mithilfe heimlich entwendeter Überwachungsausrüstung wollen die beiden Protagonisten Tim und Alexander ihre Ziele erreichen: der eine seinen Schwarm erobern, der andere die Fragen der gefürchteten Klassenarbeit herausfinden. Der Weg dahin ist actiongeladen.

Gewürzt mit einer gehörigen Prise „Mission Impossible“ zieht der Film sein jugendliches Publikum sofort in den Bann: Ein per Zahlenkombination geschützter Save, minutiös geplante Coups sowie der obligatorische Lüftungsschacht, durch den man Zugang zu verbotenen Räumen erhält, fehlen nicht. Doch während die Kinder ihren Zielen hinterherjagen, erfahren sie dank ihrer Überwachung auch Dinge, die sie so genau gar nicht wissen wollten. Die Bedeutung der sonst so abstrakten Privatsphäre wird greifbar.

Trotz seines Themas ist der Film nie oberlehrerhaft - vor allem, weil er glaubwürdige Charaktere zeigt. Die Hauptpersonen sind Jungs aus unserer Zeit: Sie haben MP3-Player und Handy, kommunizieren gerne per SMS und spielen Rollenspiele in Internet. Damit ist „Zoomer“ so nah an der Realität seines Publikums, wie nur selten ein Kinderfilm. Und als wäre das nicht genug, zwingt der Abspann den Besucher, sich mal zu überlegen, ob er möglicherweise sogar im Kino beobachtet wird. Das Thalia gibt dazu an: Weder die Kinosäle noch die Toilette werden hier videoüberwacht. Na immerhin!

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Inside  Job - von  den  Machenschaften  der  Finanzwelt  

Von  Dominik  Sandler

Die Bankenkrise – spätestens seit 2008 hält sie Finanzwelt und Politik in Atem und ist doch für uns Durchschnittsbürger erstaunlich abstrakt geblieben. Egal wo man die Schuld dafür suchen will, sei es bei der Komplexität der Vorgänge, die in die Krise geführt haben, sei es bei der Gesichtslosigkeit der Finanzwelt oder dem Glück, noch recht glimpflich davongekommen zu sein – Charles Fergusons Dokumentation kann hier Abhilfe schaffen. Strukturiert in fünf Teile erläutert der Film anschaulich die Mechanismen, die in die Krise führten, sowie deren Auswirkungen. Und malt ein Porträt derer, die die Verantwortung dafür tragen.

Einfach zu durchschauen ist das Finanzgeflecht nicht: Die lange Kette der wechselseitigen Abhängigkeiten reicht von Immobilienkäufern in den USA über die großen Banken und Ratingagenturen bis zu Fabrikarbeitern in China. Der Film zeichnet diese Kette in leicht nachvollziehbaren Schritten nach und erläutert die wesentlichen Zusammenhänge. Dies könnte wohl auch ein gut gemachtes Sachbuch, doch in „Inside Job“ sind diese Erläuterungen nur der Mantel, der den eigentlichen Kern umhüllt. Diesen Kern bilden die zahlreichen Interviews, die Charles Ferguson mit den Größen des Finanzbusiness führt. Es sind Interviews, die die Akteure greifbar machen und sie letztendlich entlarven. Zwar mag man zu Recht einwenden, es sei leicht, mit ausgewählten Interviewpassagen einen beliebigen Berufsstand in Verruf zu bringen.

Doch die zahlreichen Mosaiksteine, von denen jeder einzelne von Ignoranz und Größenwahn zeugt, ergeben zusammen ein Bild, das sich nur schwer widerlegen lassen wird: das Bild eines Wirtschaftszweigs ohne Gewissen, der durch systematischen Betrug satte Gewinne einfährt. Und beinahe bezeichnender als die Äußerungen der Banker ist die lange Liste der Fragen, die sie unbeantwortet lassen, sowie die große Zahl der Personen, die Interviews von vorneherein ausschlossen. Dominiert hier noch die Wut auf einzelne Akteure, so kann die spätestens da in Angst umschlagen, wo der Film deutlich macht, wie stark der Finanzsektor Politik und Demokratie unterwandert: Lobbyisten besetzen politische Schlüsselpositionen, Professoren werden von der Finanzbranche mit üppigen Zahlungen für wohlwollende Veröffentlichungen belohnt. Anfängliche Bemühungen der Obama-Regierung, das Finanz-Casino zu regulieren, haben sich im Sande verlaufen – die nächste Krise kommt bestimmt. Von Dominik Sandler

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„Lust auf Wirklichkeit“: In Bertram Verhaags Film „Gekaufte Wahrheit“ geht es um Gentechnik. Verhaags These: Wir sind längst zu Versuchskaninchen der Konzerne ge worden, denn es geht um knallharte Geschäfte und enorme Profitaussichten.

Von Gundremmingen bis nach Neapel und Kinshasa
„Lust auf Wirklichkeit“ – Filmtage contra Traumfabrik

Von Frank Heindl

Sich Einlullen lassen von den – zugegeben: oftmals phantastischen, atemberaubenden, schönen – Ideen der Filmindustrie, das ist die eine Seite des Mediums Film, die eine Möglichkeit des Kulturorts Kino. Es ist auch die profitablere Seite, die mit den meisten Zuschauern, es ist die Sparte, die den Platz auf den Zeitungsseiten für Filmbesprechungen füllt. Aber es gibt noch eine andere Art Kino. „Lust auf Wirklichkeit“ nennen die Tage des Unabhängigen Films Augsburg den Teil des Programms, der sich mit den Widrigkeiten, Absurditäten, Banalitäten, mit dem Hässlichen, Abseitigen, aber auch mit dem Einzigartigen, dem Schönen, dem Echten befasst, mit unserem Alltag, mit der Realität. Realität macht nicht immer Spaß, dafür ist sie aber auch nie einseitig, hat viele Aspekte, bietet immer Stoff zum Nachdenken, zum Lernen. Und der Spaß des Zuschauers findet seinen Ursprung nicht nur in Bildern, sondern auch in der intellektuellen Auseinandersetzung mit ihren Sujets. Die Befürchtung, man müsse sich hier auf dröge Schwarz-Weiß-Dokumentationen einstellen, entbehrt allerdings bei den 16 Filmen, die das Filmfest unter dem Motto „Lust auf Wirklichkeit“ vorstellt, jeder Grundlage.

Da ist zum Beispiel die Musik. Sie spielt etwa in John Turturros „Passione“ eine große Rolle. Es geht um Neapel – eine Stadt, in der laut Turturro Pop und Klassik zu einem italienischen „Buena Vista Social Club“ verschmelzen. Eine ganz andere Rolle spielt die Musik in „Benda Bilili“ aus der Republik Kongo. Für die Straßenkinder, die in der Hauptstadt Kinshasa Musik machen, ist das nicht nur Broterwerb, sondern Flucht und Befreiung aus einer tristen Welt voller Armut und Zerstörung. Sie spielen auf uralten oder selbstgebauten Instrumenten. Mag uns Turturros Neapel schon als fremdartige südliche Metropole vorkommen – Kinshasa, seine Musik und seine Kinder sind im europäischen Kontext kaum denk- und vorstellbar. „Lust auf Wirklichkeit“ bedeutet hier auch Neugier auf fremde Welten, die trotz Globalisierung und Informationsgesellschaft unendlich weit von der unsrigen entfernt scheinen.

Künstler und Koma, Atomkraft und Glücksversprechen

Auch die Welten von Künstlern und Schriftstellern sind der unseren fremd, wenn nicht gar entgegengesetzt. Ein Typ wie Tom Kummer spielt da eine besondere Rolle – er hat der Medienwelt nicht nur den Spiegel vorgehalten, sondern sie auch schlichtweg betrogen. Kummer belieferte jahrelang die deutsche Presse mit tollen Reportagen und Interviews. Die Redaktionen erhielten, was sie sich wünschten, die Leser bekamen zu lesen, was sie hören wollten. Der Haken daran: Kummers Texte waren genial – erfunden. Klar, dass das ein Skandal war, klar, dass Kummer in der Medienwelt verfemt war, als dann alles aufgeflogen war. Gut, dass das Thema in Miklós Gimes‘ nun im Kino auftaucht – denn auch hier geht es ja um „nachempfundene“ Wirklichkeit, um den schmalen Grat zwischen Wahrheit und Illusion, zwischen Lüge und Erkenntnis. Der Regisseur von „Bad Boy Kummer“ wird in Augsburg selbst über seinen Film Auskunft geben. Ebenso wie Christoph Rüterl, der Regisseur einer Filmcollage über den Dichter, Filmemacher und Schriftsteller Thomas Brasch, die vor kurzem auf der Berlinale uraufgeführt wurde. „Brasch – das Wünschen und das Fürchten“ heißt der Film.

Lust auf Wirklichkeit? Larissa Trueby kümmert sich um die Lust aufs Glück im ausufernden Markt der Ratgeberliteratur. „Glücksformeln“ sei „ein kluger Film über kleine und große Weisheiten“, behauptet das Programmheft. Vielleicht geht es hier ja auch um einen gewissen Gegensatz zwischen Glücksstreben und Wirklichkeit. Alle Filme des Programms „Lust auf Wirklichkeit“ aufzuzählen, ginge zu weit. Thema- tisch sind sie weit gestreut: Um Atomkraft geht es in „Unter Kontrolle“, gedreht unter anderem im AKW Gundremmingen und erschreckend aktuell – ein Thema, bei dem einem womöglich die Lust auf die Realität verloren gehen könnte. „Verborgen in Schnuttenbach“ widmet sich der Kriegsvergangenheit in einem kleinen schwäbischen Dorf, dessen Bewohner sich an ein Lager für Zwangsarbeiter erinnern. Dass Wirklichkeit trotz aller Authentizitätsansprüche ein subjektives Kriterium ist, kann man schließlich in „Zwischen Welten“ erfahren. Regisseur Marc Haenecke – auch er zu Gast auf dem Filmfest – hat im Klinikum Augsburg und im Therapiezentrum Burgau gedreht und Menschen beobachtet, die aus dem künstlichen Koma erwachten. Sie haben einen speziellen Blick darauf, wo die Wirklichkeit anfängt, aufhört, weitergeht. Ein intensiver Blick in eine unbekannte Welt – vielleicht schon ein wenig jenseits unserer „Wirklichkeit“, sicher aber hochspannend für offene Augen mit Lust am Sehen.

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Interview mit den Regisseuren "Stuttgart 21"

„Es ist nicht wichtig, ob der Bahnhof am Ende fünf oder zehn Milliarden kostet.“

Von Frank Heindl

Großen Applaus erntete der Eröffnungsfilm „Stuttgart 21 - Denk Mal!“, eine Dokumentation des Protestes gegen den geplanten unterirdischen Bahnhof in Stuttgart. Dominik Sandler sprach nach der Vorführung mit den Regisseuren Lisa Sperling und Florian Kläger.

? Der Konflikt in Stuttgart ist hochemotional. Macht es denn Sinn, in dieser Situation einen emotionsgeladenen Film zu drehen, oder sollte sich die Debatte nicht vielmehr auf rationale Argumente konzentrieren?

Kläger: Auf technischer und wissenschaftlicher Ebene wurde doch schon alles durchgekaut. Rauskommen können wir aus der jetzigen Situation nur noch auf emotionaler Ebene, durch Bürger, die die Argumente verstanden haben und sich deshalb etwas in den Kopf gesetzt haben. Reportagen, die sich mit der rationalen Seite befassen, können auch noch in zwei Jahren erscheinen, dazu fehlt uns jetzt die Zeit. Letztlich sind die Bürger unzufrieden, das ist das Wichtigste, nicht, ob der Bahnhof am Ende fünf oder zehn Milliarden kostet.

Sperling: Dadurch, dass wir heute so schnell einen Film fertig stellen können, ergeben sich ganz neue Fragen: Was ist denn eigentlich Dokumentarfilm? Welche Position hat der Film in unserer neuen, schnelllebigen Zeit? Hier tun sich auch große Chancen auf.

? Ihr Film nimmt klar die Position der Gegner von Stuttgart 21 ein. Wäre es auch möglich, einen Film zu drehen, der die andere Seite beleuchtet?

Kläger: Wenn man eine große Produktionsfirma hinter sich hat, ginge das vielleicht. Es gibt sogar ein Beispiel: „Hände über der Stadt“ von Francesco Rosi lässt sich eins zu eins auf unser Thema übertragen. Der Film zeigt die üblen Machenschaften aus Sicht der Machthaber.

? Im Film wird geäußert, durch die Proteste habe sich das Klima unter den Bürgern geändert, man geht mehr aufeinander zu und tauscht sich aus. Hat der Streit um den Bahnhof letztendlich sogar positive Auswirkungen auf Stuttgart?

Sperling: Ich mochte die Stadt früher nicht und bin deshalb nach dem Abitur erst mal nach Neuseeland gegangen, danach nach Köln. Tatsächlich hat sich in Stuttgart mittlerweile viel verändert, ich hoffe, dass sich das auch in der Zukunft erhält.

Kläger: Ja, dieser Schritt, sich mit etwas auseinanderzusetzen und miteinander zu sprechen ist wahnsinnig positiv.

? In der Abschlussszene sehen wir einen Mann, der, auf einem Stuttgarter Hügel stehend, die Stadt mit Beschimpfungen anbrüllt. („Weitere Lügen ums Verrecken / Jede Menge Dreck am Stecken…“) Was hat es damit auf sich?

Sperling: Der Mann ist Sänger einer Stuttgarter Punkband und steht für die Subkultur, die durch die Bauarbeiten ihre Räumlichkeiten verliert. Er brüllt eine Strophe aus einem Song der Band, der schon Jahre vor dem Protest gegen Stuttgart 21 geschrieben wurde, aber erstaunlich gut zu der jetzigen Situation passt.

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Interview mit dem Regisseur "Harun Arum"

Die schlichte Realität

So prall gefüllt war das Mephisto zur Eröffnung des Kinderfilmfestes, dass bei manchen Besuchern kurzzeitig Angst aufkam, sie würden bei der Sitzplatzsuche leer ausgehen. Doch bis es dann losging, waren zum Glück alle so weit zusammengerückt, dass dem Kinovergnügen nichts mehr im Weg stand. In kurzen Redebeiträgen begrüßten Ellen Gratza sowie Wolfgang Schick (Festivalleitung) das Publikum, und Filmjournalist Lutz Gräfe stimmte die jungen Gäste auf den Film ein. „Lernen durch Kino“ könnte das Motto des Kinderfilmfestes sein, so hatte es Bildungsreferent Hermann Köhler vorher treffend formuliert. „Lernen durch Kino“, das konnte man auch bei dem Eröffnungsfilm „Harun Arun“. Regisseur, Produzentin und Hauptdarsteller des Films waren aus Indien angereist, um zahlreiche Publikumsfragen zu beantworten. Und Regisseur Vinod Ganatra gab Dominik Sandler ein Interview - allerdings erst, nachdem der ihm versichert hatte, den Film bereits gesehen zu haben. Anschließend war Ganatra dafür umso herzlicher und erzählte mit viel Begeisterung von seiner Arbeit.

? Herr Ganatra, in Ihrem Film thematisieren Sie mit dem Indien-Pakistan-Verhältnis einen der großen Konflikte unserer Zeit. Wie kamen Sie auf die Idee, das ausgerechnet zum Thema eines Kinderfilms zu machen?

Ganatra: Es ist Teil der Wirklichkeit, in der ich großgeworden bin. In meinem Heimatdorf, das nahe der indisch-pakistanischen Grenze liegt, spielen sich tagtäglich Geschichten ab wie die, die der Film erzählt. Andere Filme arbeiten mit Gewalt, Missbrauch und Schmutz, das will ich nicht, wir haben doch Verantwortung! Mein Film zeigt nur die schlichte Realität, nichts anderes.

? Trotzdem gibt es darin Tanzeinlagen nach Bollywood-Manier. Wie passt das zusammen?

Ganatra: Der Tanz ist doch Teil unseres Lebens und unseres Gemeinschaftsgefühls. Wir tanzen immer: Wenn ein Kind geboren wird zum Beispiel. Im Dorf von Hemang Mota (dem jugendlichen Hauptdarsteller in „Harun Arun“, d. Red.) tanzen die Leute jetzt, weil sie sich für ihn freuen, dass er sich zum ersten Mal außerhalb von Indien aufhalten kann.

? Wäre es denn in Indien denn überhaupt möglich, einen Film, in dem kein Tanz vorkommt, zu drehen?

Ganatra: Es wäre wohl möglich, manche haben es sogar schon ausprobiert.

? Sie stellen den Konflikt zwischen Indien und Pakistan als völlig irrational dar, ebenso die Feindschaft zwischen Indern und Pakistanis. Nimmt das die Bevölkerung genauso wahr?

Ganatra: Absolut. Der Konflikt ist rein politisch motiviert. Sie und ich, wir könnten uns nicht als Geschwister ausgeben, dazu sehen wir zu unterschiedlich aus. Pakistanis und Inder aber, wir sind uns komplett ähnlich. Wir haben dieselbe Sprache, dieselben Bräuche, dasselbe Essen, sogar dieselbe Hautfarbe. Wir sind wie Brüder und Schwestern, die durch eine Grenze getrennt leben, ähnlich wie es die Deutschen lange Zeit ertragen mussten.

? Hat der Film denn auch in Pakistan Erfolg?

Ganatra: Ja, wir haben ihn sogar schon mal gleichzeitig in Mumbai und im pakistanischen Lahore vorgeführt. Unsere anschließende Diskussion wurde per Videokonferenz in den anderen Kinosaal übertragen.

? Als ich früher eine Dauerkarte fürs Filmfest hatte, bin ich statt in die Schule ins Kino gegangen, um mehr Filme sehen zu können.

Ganatra: Sehen Sie, Kinder in Indien und in Augsburg, das ist genau dasselbe: Wenn man uns etwas verbietet, dann machen wir es erst recht. Auch ich habe schon fürs Kino die Schule geschwänzt.

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