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    18. Kurzfilmwochenende Augsburg
Mi, 6.4. bis So, 10.4.2011


Volker Gerling:
„Bilder lernen laufen,
indem man sie herumträgt“


Zu Gast: Volker Gerling.

Volker Gerlings Daumenkino ist mittlerweile legendär: Er ist 3000 Kilometer zu Fuß durch Deutschland gelaufen und porträtierte dabei Menschen, denen er auf seinen Wanderschaften begegnete, in Form fotografischer Daumenkinos. Er traf einen alten Mann, der die Welt verbessern wollte und dabei fast verhungert wäre, einen Tischlergesellen, unterwegs wie er, der kurz bevor er loszog, seine neue Freundin kennen lernte und eine junge Frau, die sich im Urlaub für ein neues Leben entschied.

Gerling erzählt von den großen, kleinen, ernsten und skurrilen Zufallstreffen und lässt seine Protagonisten auf der Bühne für einen Moment lebendig werden. So lebendig, dass man mitunter meint, sie schon seit Jahren zu kennen. Auf der Bühne blättert er die Fotos unter einer Videokamera ab, projiziert die Bilder auf die Leinwand und erzählt die Geschichten der Menschen, die er fotografieren durfte. In Gerlings magischen Porträtstudien entsteht eine leichtfüßige und gleichzeitig tiefsinnige Reflexion über die Flüchtigkeit des Moments und die Bedeutung der menschlichen Begegnung.

„Stiller, schlichter und schöner kann Kunst nicht sein.“ Tagesanzeiger Zürich

„Gerling gelingt, was der darstellenden Kunst öfter gelingen sollte: zu zeigen, was für ein unerschöpflich interessantes Thema Menschen sind“ FAZ

Spielzeit:

So, 03.04.2011 um 19.00 Uhr - Mephisto.

Link zur Homepage:
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Länge: 36 Bilder. Drehzeit: 12 Sekunden
Volker Gerlings Daumenkino-„Filme“: eine poetische Sensation
Von Frank Heindl

Viele Filme, meistens nur eine Person zeigend, bestehend aus 36 Bildern, hergestellt in jeweils zwölf Sekunden – das sind Volker Gerlings Daumenkinos. Es sind künstlerische Preziosen voller Poesie, voller Leben, voller Aussagekraft – minimale Mittel, maximale Wirkung. Am Sonntagabend stellte der Fotograf, Kameramann und Berufswanderer seine schwer zu beschreibenden Werke vor. Daumenkino: jeder kennt das: Man bindet einen kleinen Stapel (meist gezeichneter) Bilder zu einem kleinen Büchlein – und wenn man dann die Seiten schnell unterm Daumen abblättern lässt, entsteht die Illusion von Bewegung, entsteht ein kleiner Film. Vor 20 Jahren begannen Gerlings zaghafte Versuche, Daumenkinos mit dem Fotoapparat herzustellen – heute lebt er von dieser Kunst. Von den Fotografien und von den Geschichten, die er dazu erzählt – beides gehört untrennbar zusammen.

Denn Gerling hat irgendwann begonnen, mit seiner eigenen Daumenkinoausstellung durch die Welt zu wandern. Im Sommer schnallt er sich einen Rucksack mit Zelt und Kochausrüstung auf den Rücken und ein Küchentablett vor den Bauch. Mit diesem Bauchladen wandert er quer durch Deutschland, mit Abstechern beispielsweise in die Schweiz, nennt sich selbst ein wanderndes Museum und verlangt für dessen Besichtigung keinen Eintritt. Wem seine Daumenkinos gefallen, der darf anschließend Geld in seine Sammelbox werfen oder ein Daumenkino kaufen. Große Kunst für 20 Euro.

Einmal pro Woche lohnt sich der Griff zur Kamer

Wenige Menschen fotografiert Gerling aus seinen Reisen. Etwa einmal die Woche, so erzählt er, begegne ihm ein Mensch, dessen Geschichte ihn interessiere und der Lust habe, sich fotografieren zu lassen. Dann legt Gerling einen Schwarzweißfilm in seine analoge Nikon ein, justiert die Belichtung so, dass im Dauerbetrieb etwa 3 Fotos pro Sekunde entstehen, und hält den Finger auf dem Auslöser gedrückt, bis der Film durch ist. 12 Sekunden dauert die Prozedur, und die Fotos, die in dieser knappen Viertelminute entstehen, lassen etwas aufleuchten, was man in schnellen Filmen nur sehr selten zu sehen bekommt. Bei seinen Veranstaltungen präsentiert Gerling die Daumenkinos vor einem Projektor, der sie formatfüllend auf die Leinwand überträgt.

Das Wunder beginnt schon, bevor das Daumenkino läuft: Sobald Gerling das erste Foto auch nur berührt, beginnt es zu leben. Die geringste Bewegung vermittelt dem Zuschauer das Gefühl, einen Film zu sehen. Wenn der Künstler dann sein Daumenkino in Bewegung setzt, ist man jedes Mal aufs Neue überrascht, wie viel Poesie, wie viel Beobachtung, wie viel Seele in 36 Bildern Platz finden. Die Serie „Alter Mann mit Krawatte“ etwa. Gerling erzählt, er habe den Iraner kennengelernt, als der versuchte, sich von einem im Irak erlebten Bombenanschlag zu erholen, unter dessen Schock er immer noch stand. Er hatte dort den Einheimischen ein selbst konstruiertes Gerät zur Stromgewinnung mittels Sonnenenergie installiert. In die Kamera blickt ein kluger, aber verstörter Mann. Doch als die Kamera nicht aufhört zu fotografieren, als die laute alte Nikon ein Klicken nach dem anderen hören lässt, da taucht, wie von einem Windhauch bewegt, ein stilles, verträumtes Lächeln auf in diesem Gesicht, und noch einen kurzen Windhauch später hat es sich schon wieder unter schüchtern niedergeschlagenen Augen versteckt. Zwölf Sekunden, 36 Fotos – und der Zuschauer glaubt, in die Seele dieses Mannes geblickt zu haben. Gerling berichtet, der Iraner sei drei Monate nach den Aufnamen gestorben.

Gedrosseltes Tempo, poetische Ruhe

Das überraschte Lächeln in der Mitte der Fotoreihe haben viele der Daumenkinos gemeinsam. Und es ist jeweils dieses Lächeln, das so viel über die Fotografierten verrät. Mal schlägt es um in fröhliches Lachen, mal in verblüfftes Erstaunen, mal nutzt eine junge Frau die Zeit, um sich ihr T-Shirt über den Kopf zu ziehen und barbusig zu posieren. Die einzigen, die stillhalten, sind Kinder: Die Gabe, vorurteilsfrei und gedankenlos einfach abzuwarten, was geschieht, geht offensichtlich mit zunehmendem Alter verloren. Schade, dass Gerling nur einen Abend in Augsburg weilte –am Montag hatte er schon seine nächste Vorstellung in Hamburg. Man hätte ihn gerne weiterempfohlen, man hätte gerne den sicher einzigartigsten Abend des Augsburger Filmfestes mit noch viel mehr Menschen und Freunden geteilt, und man hätte auch gerne selbst die Chance ein zweites Mal genutzt, inmitten all der schnellen Bilder (nicht nur des Filmfestes) das Tempo zu drosseln und diese poetischen Sekunden-Miniaturen in ihrer sensationellen Tiefe auf sich wirken lassen.

Volker Gerlings Daumenkinos kann man ausschnittsweise im Internet ansehen und dort auch bestellen: http://www.daumenkinographie.de

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„Ich suche die Geschichten nicht, die suchen mich“
Fotokünstler und „Daumenkinograph“ Volker Gerling im Gespräch


Filmfestregisseure treffen alle früher oder später im Thalia-Café ein – dem zentralen Ort der Augsburger Filmtage. Auf Volker Gerling, der sich selbst „Daumenkinograph“ nennt (siehe obenstehender Artikel) musste man am Samstag ein bisschen länger warten. Er baute erst mal höchstpersönlich seine Projektionsanlage im Mephisto ab, transportierte alles eigenhändig ins Hotel – kam aber schließlich doch noch in die Filmkneipe. Frank Heindl stellte dem 42jührigen Künstler Fragen zur vorangegangenen Vorstellung.

? Herr Gerling, habe ich das richtig verstanden: Sie fotografieren immer noch analog?

Gerling: Ja, und aus mehreren Gründen. Ich bin gerne in der Dunkelkammer und ziehe die Fotos selber ab. Dass die Bilder hundert 100 Jahre halten, ist auch ein gutes Gefühl. Und außerdem will ich unbedingt vermeiden, dass ich mit den portraitierten Menschen über die Fotos diskutieren muss, wenn die sich das Ergebnis gleich anschauen können.

? Bei einer Serie, einem sich küssenden Paar, hatte ich den Verdacht, dass Sie möglicherweise manchmal dramaturgisch eingreifen. Es ist schön, dass die Serie genau aufhört, als die beiden Münder sich gefunden haben. Aber was, wenn sie auf dem letzten Bild schon wieder getrennt gewesen wären?

Gerling: Sie haben gut aufgepasst. In der Tat ist das eines der ganz wenigen Beispiele, wo ich Bilder weggelassen habe, um die Wirkung zu erhöhen. Ich halte mich nicht stur an das 36-Fotos-Schema, aber es funktioniert fast immer ohne irgendeinen Eingriff, und das ist mir dann auch lieber. Die ursprüngliche Idee, zwölf Sekunden lang drei Fotos pro Sekunde zu machen, hat sich schnell als optimal herausgestellt. Ein bisschen flexibel ist das ohnehin, weil ich das bei meiner Kamera nicht exakt bestimmen kann – ich kann die Geschwindigkeit nicht per Zeitschaltung, sondern nur über die Belichtungsdauer regulieren.

„Meine Vorführung braucht den intimen Rahmen“

? Sie sind heute im Rahmen eines Filmfestivals aufgetreten, Erwin Schletterer, der Chef der Kurzfilmtage, hat Ihren Auftritt als „Preopening“ des Kurzfilmwochenendes vorgestellt. Fühlen Sie sich mit Ihrer Kunst hier richtig verortet?

Gerling: Ich war heute erst zum zweiten Mal überhaupt bei einem Filmfestival, das andere war das Festival „almost cinema“ in Gent in Belgien. Viel öfter trete ich im Rahmen von Theaterfestivals auf. Ich weiß aber gar nicht so recht, wo ich mich selbst positionieren würde. Das, was ich mache, kann man wohl in beide Genres nicht so richtig einordnen.“

? Ins Mephistokino hätten ein paar mehr Zuschauer gepasst. Die Veranstalter sprechen von etwa 120 Besuchern. Sind Sie damit zufrieden?

Gerling: Normalerweise zeige ich die Daumenkinos an Orten mit höchstens 100 Plätzen – das Kino hier war ideal. In größeren Sälen möchte ich das nicht machen, die Vorführung braucht auf jeden Fall den intimen Rahmen.“

? Sie wandern im Sommer wochenlang mit ihren Daumenkinos und der Kamera durchs Land. Mich hat es sehr überrascht, dass sie dabei so wenige Fotos machen. Sie haben erzählt, dass sie im Schnitt nur einmal pro Woche jemanden für ein Daumenkino portraitieren. Warum?

Gerling: Ich suche die Leute und die Geschichten nicht, sondern die suchen mich. Ich renne nicht rum und sage, ich muss finden, finden, finden! – sondern ich lasse die Dinge geschehen. Wenn jemand etwas zu erzählen hat, dann merke ich das einfach daran, dass derjenige kommt und erzählen will.

? Das hört sich schön an. Aber wovon leben Sie eigentlich?

Gerling: Ich bin in der wirklich beneidenswerten Situation, dass ich von den Daumenkinos leben kann. Ich habe zwei Kinder, meine Frau arbeitet auch, und wir kommen klar.

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